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An diesen Schulen lernen die Kinder mit ihren Smartphones

02.07.2013 | 07:47 Uhr
An diesen Schulen lernen die Kinder mit ihren Smartphones
Lernen mit dem Tablet: Schulen binden Smartphone und andere elektronische Geräte zunehmend in den Unterricht mit ein.Foto: dpa (Archiv)

Xanten/Moers.  Handyverbot während des Unterrichts und in der Pause? Das war einmal: Am Gymnasium Filder Benden in Moers und der Walter-Bader-Realschule in Xanten werden Handys und Tablets im Unterricht eingesetzt. Die Schulen sind Teil eines Projekts der School IT Rhein Waal. Das Motto: „Bring Your Own Device“.

Berufsvorbereitungskurs in der Walter-Bader-Realschule Xanten. Ein Referent der Sparkasse spricht vor der Klasse. Zwei Jungs holen ihre Smartphones raus und beginnen zu tippen. Doch anstatt dass der Lehrer sie zum sofortigen Wegpacken auffordert, geht er hin und fragt nach. Ergebnis: Die Jungs schreiben mit.

„Wir Lehrer schauen erstmal, was die Schüler mit den Geräten machen, dann sehen wir weiter“, sagt Regina Schneider, Schulleiterin der Realschule. Sie erzählt diese Episode beispielhaft, um zu erklären wie mit Medien an ihrer Schule umgegangen wird. Smartphones und Co. sind dort nämlich nicht per se verboten, sondern sollen bewusst im Unterricht eingesetzt werden.

Da trifft es sich, dass viele Schüler technisch ohnehin weit besser ausgestattet sind als ihre eigene Schule. "Die deutschen Schulen sind Entwicklungsland, was die technische Ausstattung angeht“, sagt Richard Heinen vom Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen, der im Rahmen des europäischen Förderprojektes School IT Rhein Waal die Schulen wissenschaftlich betreut. „Ein grundsätzliches Verbot von eigens mitgebrachten Digitalgeräten an Schulen schließt eine tolle Ausstattung von vorneherein aus." Deshalb lautet das Motto des Projekts: "Bring Your Own Device" (BYOD) (dt. "Bring deine technischen Geräte mit").

Vier Schulen Teil des Pilotprojekts

Derzeit sind vier Schulen in das Projekt eingebunden, zwei davon in den Niederlanden. Alle Schulen sind in der Euregio Rhein-Waal zu verorten, dem deutsch-niederländischen Zweckverband, der das Projekt begleitet. Auf deutscher Seite beteiligen sich die Walter-Bader-Realschule in Xanten und das Gymnasium Filder Benden in Moers an dem Projekt, das noch bis Ende 2014 läuft. Interesse gibt es laut Richard Heinen bereits von anderen Schulen: „Wir haben schon Anfragen aus Duisburg und vom gesamten Niederrhein, aber auch Schulen aus dem Ruhrgebiet haben ihr Interesse bekundet.“

Gut ausgestattet mit so genannten digitalen Endgeräten sind die jungen Leute in jedem Fall: Die aktuelle JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich mit der Mediennutzung Jugendlicher. Sie zeigt, dass 96 Prozent alle Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren ein Handy besitzen, 47 Prozent davon sind Smartphones, also Handys mit denen man ins Internet gehen kann. Das ist ein Zuwachs von 22 Prozentpunkten im Vergleich zur Studie des Vorjahres. Etwa vier Fünftel haben einen eigenen Computer oder Laptop (82 Prozent), fast alle Kinder und Jugendliche haben bei sich zu Hause Zugang zum Internet (98 Prozent).

Fähigkeiten der Schüler werden oft überschätzt

Obwohl die meisten Jugendlichen also über eines oder mehrere der technischen Geräte verfügen, ist es mit der Medienkompetenz oftmals nicht so weit her: „Die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler werden überschätzt“, sagt Marc Lachmann, Projektleiter am Moerser Gymnasium Filder Benden. Zwar wird der Status bei Facebook rege aktualisiert, und Fotos bei Instagram gepostet, aber bei der reinen Internetrecherche tun sich manche der Schüler schon schwer. „Basiswissen wie das richtige Suchen und Zitieren von Quellen aus dem Internet fehlt oft“, so Lachmann. Durch die Schulung der Medienkompetenz kann der „richtige“ Umgang mit den technischen Geräten und der Informationsflut aus dem Internet also durchaus noch verbessert werden.

Insgesamt sind rund 140 Schüler an dem Projekt beteiligt, an der Walter-Bader-Realschule in Xanten sind es etwa 80 Schüler, die direkt Teil des Medienprojekts sind. Dabei kommt es im Unterricht nicht darauf an, dass auf Biegen und Brechen Smartphone oder Tablet eingesetzt werden: "Bei diesem Projekt ist es wichtig, dass die Schüler lernen, welches Medium sie nutzen möchten,“ sagt Schulleiterin Regina Schneider. „Ein digitales Gerät alleine macht es nicht, es geht um mehr: den unverkrampften Umgang mit Medien."

Viele Möglichkeiten bis zum Lernerfolg

Und so kann es sein, dass im Englisch-Unterricht ein Schüler die Vokabeln „klassisch“ aufschreibt und so verinnerlicht, ein anderer sich die Vokabeln aber auf sein Smartphone aufspricht und sich die Worte durch wiederholtes Anhören besser merkt. Dieses „individualisierte Lernen“ ist zwar zeitaufwendiger, als wenn alle Schüler dasselbe Lernmedium nutzen würden, aber: „Es bleibt auf lange Sicht mehr hängen“, so Regina Schneider.

Diese zeitintensive Vorauswahl der geeigneten Lernmedien eignet sich allerdings nicht für jede Unterrichtseinheit. „Es ist themen-, aber auch lehrerabhängig, wie mit der Medienauswahl umgegangen wird“, erklärt Marc Lachmann vom Moerser Gymnasium Filder Benden. „Dieses Projekt ist eine Herausforderung für Schüler und Lehrer. Wir sammeln gerade ständig neue Erfahrungen und probieren aus.“

Tablets und Laptops können ausgeliehen werden

Doch was tun, wenn nicht jeder Schüler ein internetfähiges Mobiltelefon hat oder die Eltern sich kein Tablet leisten können? Am Gymnasium Filder Benden in Moers sind von den etwa 60 teilnehmenden Schülern zehn Prozent auf die Schule zugekommen, um sich einen Laptop für die Dauer des Projektes auszuleihen. „Die Schule muss sich engagieren, um Chancengleichheit herzustellen“, sagt Projektleiter Marc Lachmann. „Bei uns kann ein Leihgerät beantragt werden, nicht jeder hat ein geeignetes digitales Endgerät zu Hause.“

In der Walter-Bader-Realschule in Xanten können sich Schüler Geräte am schuleigenen Gerätepool ausleihen, sofern sie nicht selbst über die notwendige Ausstattung verfügen. „Die Kinder und Jugendlichen wissen an unserer Schule zu schätzen, dass wir Endgeräte zur Verfügung stellen“, sagt Regina Schneider. „Die Ausleihe und Nutzung basiert auf Vertrauen – anders geht es nicht.“

Jennifer Rüdinger

Kommentare
06.07.2013
17:06
An diesen Schulen lernen die Kinder mit ihren Smartphones
von doc_compi | #6

Das ist der Lauf der Zeit. Als ich zur Schule ging gab es diese Debatte über Taschenrechner in genau diesem Umfang. Angeblich würde das Kopfrechnen...
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