„Wenn andere nur auch so viel Ehrgeiz hätten“
05.09.2012 | 17:52 Uhr 2012-09-05T17:52:00+0200
Berge. Er läuft jeden Morgen. Er läuft jeden Nachmittag. 100 Kilometer läuft er in der Woche. „Laufen ist mein Leben“, sagt Carsten Gerke. Er ist ehrgeizig. 2016 möchte er bei den nächsten Paralympics in Rio de Janeiro starten: „Das wäre mein Traum. Der Wille dafür ist da. Ich will immer schneller werden.“
Er läuft jeden Morgen. Er läuft jeden Nachmittag. 100 Kilometer läuft er in der Woche. „Laufen ist mein Leben“, sagt Carsten Gerke. Er ist ehrgeizig. 2016 möchte er bei den nächsten Paralympics in Rio de Janeiro starten: „Das wäre mein Traum. Der Wille dafür ist da. Ich will immer schneller werden.“
Der 33-Jährige ist blind. Mit 20 Jahren fing es an. Er konnte im Dunkeln zunehmend schlechter sehen. Die Sehkraft ließ immer mehr nach. Der Berger leidet unter einer Erbkrankheit namens „Retinitis Pigmentosa“, bei der die Netzhaut nach und nach degeneriert. Erhalten geblieben ist ihm, als Seh-Rest, nur ein Tunnelblick. So kann er auf dem Dünnefeld-Sportplatz noch die weiße Linie der Laufbahn erkennen und sich daran orientieren – als habe man ein Fernglas falsch herum vor den Augen, beschreibt er es.
Krankheit ist nicht aufzuhalten
Als Kind hat er den 1000-Meter-Lauf noch gehasst. Ihn zog es zum Kraftsport. Mit zehn Jahren fing er als Judoka im TuS Jahn Berge an. Bis zu seinem 21. Lebensjahr war er erfolgreicher Sportler, Ausbilder, Gürtelprüfer, Abteilungsleiter, lernte seine Frau über den Sport kennen. Viermal war er Deutscher Meister. Bei der Europameisterschaft 2005 in London verfehlte er den dritten Platz um einen Punkt. Dann wurde das Sehvermögen schlechter. „Man kann diese Krankheit nicht aufhalten“, sagt Carsten Gerke. Der Industriekaufmann musste seinen Beruf aufgeben. Heute ist er Frührentner. Er musste auch den Judo-Sport aufgeben. Und obwohl er den 1000-Meter-Lauf hasste, fing er mit der Leichtathletik an, mit dem Laufen. Sein Schwiegervater ist Marathonläufer, sein Schwager lief die 1500 und 10 000 Meter: „Dadurch wurde ich angespornt.“ Gerke verlor seine typische kraftvolle Judoka-Figur, heute ist er ein hagerer Läufer mit 71 Kilogramm.
Die ersten Erfolge sind schon da
Carsten Gerke ist erfolgreich geworden. Eigentlich müsste er in einem Behindertensportverein sein. Das wollte er nicht. Er will mit „normalen“ Sportlern trainieren. Heute ist er der einzige Schwerbehinderte im LAC Veltins-Hochsauerlandkreis – der Verein ist dafür eine außerordentliche Mitgliedschaft im NRW-Behindertensportverband eingegangen. Denn im LAC hat man sein Talent erkannt. Und für seinen LAC hat er schon die ersten großen Erfolge erlaufen: Bei der Landesmeisterschaft in Hamm belegte er über 3000 Meter den ersten Platz.
Über 5000 Meter kam er bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der Behindertensportler in Berlin mit 20:33,08 Minuten auf einen glänzenden dritten Platz. „Die Nationalmannschaft wird auf ihn aufmerksam werden“, sagt ihm sein Trainer und Physiotherapeut Taisir Senge voraus: „Wir planen schon langfristig.“ Er bescheinigt ihm „enormen Willen und Disziplin“: „Wenn andere nur auch so viel Ehrgeiz hätten.“
Carsten Gerke will den deutschen Rekord über 5000 Meter knacken. 2013 ist die Europameisterschaft sein Ziel. 2016 die Paralympics... „Man muss ja Ziele haben“, meint der Berger selbstbewusst.
Bei Wettkämpfen müssen blinde Sportler einen sehenden Begleitläufer haben. Von diesem werden sie am Seil geführt und korrigiert. Bei den Zeiten in der Spitzenklasse haben Sehende schon Schwierigkeiten, mitzuhalten. Sportliches Vorbild ist der äthiopische Langstreckenläufer Haile Gebrselassie: „Das finde ich toll. Der läuft noch im Marathon jeden Kilometer schneller als ich.“ Auch auf der Langstrecke im Behindertensport dominieren die Schwarzafrikaner, den Weltrekord über 5000 Meter hält bei den Blinden auch ein Kenianer. Carsten Gerke ist voller Hoffnung: „Vielleicht trifft man sich ja irgendwann auf der Laufbahn...“
Laufen ist nicht alles
Übrigens: Laufen ist auch nicht alles im Leben von Carsten Gerke. Seit fünf Monaten ist sein Sohn Henri auf der Welt. Und der ist kerngesund: „Henri ist ein echter Glückstreffer.“
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