Was wird 2016 bringen? – Fünf Fragen an Wirtschaftspromis

Ralf Kersting, Präsident der IHK Arnsberg, blickt optimistisch in das Jahr 2016.
Ralf Kersting, Präsident der IHK Arnsberg, blickt optimistisch in das Jahr 2016.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Das Jahr 2016 hat begonnen: Was wird es bringen - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich? Unsere Redaktion hat Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens aus Südwestfalen gefragt.

Südwestfalen.. Das alte Jahr ist abgelaufen - das neue hat begonnen. Was wird es bringen - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich? Und was waren die prägenden Ereignisse des vergangenen Jahres? Unsere Redaktion hat Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens aus Südwestfalen gefragt: Ralf Kersting, Unternehmer aus Olsberg und Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Arnsberg, Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Brauerei Veltins und des Leuchtenspezialisten Trilux, Ulrich Bettermann, Inhaber der Unternehmensgruppe OBO Bettermann und Detlef Wetzel, Ex-Vorsitzender der IG Metall.

  • Wo sehen Sie im Jahr 2016 die größte Herausforderung für die Wirtschaft in Südwestfalen?

Ralf Kersting (Olsberg): Die größte Herausforderung ist für mich, mit der gegenwärtig heterogenen Wirtschaftsentwicklung umzugehen. Der Konsum läuft gut, die in Südwestfalen wichtige Autozulieferung auch. Der Maschinenbau jedoch erhält weniger Aufträge. Hier ist die Situation nicht deutlich positiv. Wir haben zu kämpfen mit nachlassendem Wachstum in China, dazu kommt die Russland-Krise. Das schlägt sich auch in den relativ bescheidenden Wirtschaftsprognosen unter anderem der Bundesregierung für das kommende Jahr nieder.

Michael Huber (Sauerland): Wir müssen unser dauerhaftes Bemühen fortsetzen, an das Entwicklungstempo in den wirtschaftlichen Ballungszentren Anschluss zu halten. Die dortigen Infrastrukturvorteile können wir mit Weitsicht ausgleichen. Aber es bedarf noch einer deutlicheren Stimme auf EU-Ebene.

Ulrich Bettermann (Menden): Ich glaube, dass die Menschen in Südwestfalen ganz genau wissen, worauf es in der Wirtschaft ankommt, und der Fleiß sowie die Sicht aufs Produkt zeichnet die Betriebe hier aus. Große Herausforderungen können sich dann ergeben, wenn die Exportrahmenbedingungen sich verschlechtern würden und Betriebe leiden müssten.

Detlef Wetzel (Siegen): Als eine der bedeutendsten Industriestandorte Deutschlands ist für die Region Südwestfalen ausschlaggebend, dass sie bei der Digitalisierung und der Industrie 4.0 für die Zukunft gut aufgestellt ist und nicht den Anschluss verliert.

  • Welches Ereignis hat Sie im abgelaufenen Jahr am meisten beeindruckt?

Ralf Kersting: Was alles in den Schatten stellt, ist die Herausforderung, mit den Flüchtlingen umzugehen. Wir haben die Aufgabe und die Pflicht, sie in Arbeit zu bringen. Das ist die einzige Chance, sie zu integrieren. Das gilt insbesondere für diejenigen mit Bleiberecht, also Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak.

Michael Huber: Es sind sehr bewegende Bilder, die sich im Laufe des Jahres eingeprägt haben. Einige davon haben die Welt ein Stück verändert, leider nicht immer im positiven Sinne. Mich beeindruckt die Wirtschaftsleistung dieses Landes, die für die Menschen und ihre Zukunftsgewandtheit spricht.

Ulrich Bettermann: Der VW-Skandal war für mich schon ein herausragendes Ereignis, zumal am Sonntag, bevor montags der „Spiegel“ darüber berichtete, Wolfgang Porsche bei mir in Österreich weilte und montags aus der Steiermark direkt Richtung Wolfsburg reisen musste.

Detlef Wetzel: Beindruckend finde ich, wie schnell die Digitalisierung in unsere Arbeitswelt Einzug hält und unser Leben verändert.

Südwestfalen braucht bessere Bahn- und Straßenverbindung

  • Was erwarten Sie von der Wirtschaftspolitik für die Verbesserung der Infrastruktur in der Region?

Ralf Kersting: Ich gehe davon aus, dass der Lückenschluss der Autobahn 46 zu den Neubauprojekten in Südwestfalen gehören wird, die aufgrund der hohen Netzwirkung vom Bund präferiert werden. Wir müssen uns aber in gleicher Weise um die Landesstraßen kümmern. Da sehe ich noch Nachholbedarf.

Michael Huber: Es ist leider immer noch so: Der Zustand unseres Straßen- und Wegenetzes ist gerade bei uns vielerorts in einem bemitleidenswerten Zustand. Andere Bundesländer sind mit der Erneuerung und Förderung des ländlichen Raumes deutlich weiter. Die Landesregierung NRW ist dringend aufgefordert, hier nachzubessern, damit wir nicht ins Hintertreffen geraten. Mindestens genauso wichtig ist das schnelle Datennetz – ohne eine höchstleistungsfähige Anbindung unserer Unternehmen lässt sich die Industrie 4.0 nicht gestalten. Der Mittelstand im Sauerland beweist durch Investitionen Weitsicht – die Verantwortlichen in der Politik müssen hier Schritt halten.

Ulrich Bettermann: Wir in Südwestwalen warten immer noch auf eine Autobahnanbindung und sei es nur die „Spange“ zwischen dem Ende der A46 am Seilersee bis hin zum Kreuz Unna-Ost sowie die Verbindung von Werl nach Rhynern, was für die Region schon ein großer Erfolg wäre. Leider haben wir nicht die richtigen Fürsprecher für solche Projekte – weder in Berlin noch in Düsseldorf.

Detlef Wetzel: Notwendig ist eine zeitgemäße Anbindung an den Bahnverkehr, der Ausbau und die Sanierung der A 45 und eine bessere Verkehrsanbindung von Wittgenstein.

  • Hat sich die Marke Südwestfalen im Land und im Bund durchgesetzt?

Ralf Kersting: Ja, das hat sie. Das habe ich in vielen Gesprächen mit der Politik wahrgenommen. Südwestfalen ist bekannt geworden. In Düsseldorf weiß heute jeder, dass wir in der stärksten Industrieregion des Landes leben. Aber es gibt immer wieder politische Bestrebungen, das Ruhrgebiet und das Rheinland besonders zu stärken. Das sieht man am Beispiel der Metropolregionen.

Michael Huber: Die ostwestfälische Marke OWL hat 20 Jahre intensiv an ihrem Außenmarketing gearbeitet und ist in Land und Bund eine feste Größe geworden – davon ist das junge Südwestfalen ganz sicher weit entfernt. Es ist ein zartes Pflänzchen, das immer noch dabei ist, Verwurzelung zu suchen.

Ulrich Bettermann: Ich denke, wir haben mit der Marke Südwestfalen insofern ein Problem, da sich Leute in Süd- oder Norddeutschland nicht genau vorstellen können, wo die Marke „Südwestfalen“ ist und mit welcher Stadt man sie in Verbindung bringen kann. Das ist auch unser Problem bei OBO, wenn man im Ausland fragt, wo unser Standort ist. Wie beschreibt man dann Menden?

Detlef Wetzel: Ja, aber da gibt’s noch viel Luft nach oben.

Arbeitskosten und Einkommen in der Industrie werden steigen

  • Welche Erwartungen haben Sie an die Entwicklung der Arbeitskosten?

Ralf Kersting: Die Arbeitskosten in Deutschland werden steigen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Unternehmen in der Lage sein werden, die damit verbundenen Preiserhöhungen auf dem internationalen Markt durchzusetzen. Die Wettbewerber etwa meiner Firma sitzen in der Türkei und in China. Die haben deutlich geringere Arbeitskosten, was sich auch auf die Preise niederschlägt.

Michael Huber: Arbeitsleistung hat ihren Preis – und der ist marktgerecht. Die Arbeitskosten sind eine wichtige, zentrale Größe, die aber berechenbar ist. Das hilft dem Mittelstand, der auf Menschen setzt.

Ulrich Bettermann: Ich denke, dass „Hemd sitzt uns näher als die Hose“ und sollte es wirklich in 2016 Probleme beim Export geben, muss man auch über die Arbeitskosten sprechen. Dies wird in Wolfsburg so sein wie auch hier in Iserlohn oder Menden. Wir von OBO Bettermann kennen keine 35 Stunden Woche, sondern arbeiten 40 Stunden pro Woche, was uns auch international sehr hilft.

Detlef Wetzel: Die Arbeitskosten haben sich im Rahmen von Produktivität und Wachstum entwickelt. Da wir eine gute wirtschaftliche Entwicklung haben, werden auch die Einkommen in der Industrie steigen.