Von Liebe, Leid und Leidenschaft

Die Bestwigerin Elisabeth Schneider ist eine der letzten Apothekerassistentinnen in Deutschland.
Die Bestwigerin Elisabeth Schneider ist eine der letzten Apothekerassistentinnen in Deutschland.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Bestwigerin Elisabeth Schneider ist eine der letzten Apothekerassistentinnen in Deutschland. Seit 50 Jahren arbeitet sie in der Bestwiger Falken-Apotheke.

Bestwig.. Elisabeth Schneider erinnert sich noch genau daran, wie es damals war. „Da habe ich auf einem Stuhl gestanden und in einem riesigen Gefäß Salbe angerührt. Wir haben Tabletten gepresst und Zäpfchen gegossen und mussten beim Bezahlen noch an der Kasse kurbeln.“ Heute ist vieles anders. Eins aber ist geblieben: Die Leidenschaft für ihren Beruf. Seit 50 Jahren arbeitet die Bestwigerin als Apotheker­assistentin.

Es war der 1. April des Jahres 1965, als Elisabeth Schneider nach dem Abitur ihren ersten Arbeitstag in der Falken-Apotheke antrat. Damals war sie 19 Jahre alt und hieß noch Franke. Die Apotheke gehörte zu diesem Zeitpunkt ihrem Vater. Heute ist Elisabeth Schneider 69 Jahre alt und müsste den weißen Kittel nach ihrer Pensionierung eigentlich gar nicht mehr anziehen. Dass sie es zumindest an einigen Tagen in der Woche doch noch tut, freut ihren heutigen Chef Jan-Wilhelm Prein.

Ein Paradebeispiel

Prein ist seit 2008 Inhaber der Falken-Apotheke. Elisabeth Schneider sei ein Paradebeispiel, sagt er über seine älteste Mitarbeiterin. Ein Paradebeispiel für den gefühlvollen Umgang mit Kunden und Patienten. Es sei wichtig, manche Menschen aufzufangen, wenn sie mit dem Rezept vom Arzt in die Apotheke kommen. Und genau darauf wird in der Falken-Apotheke großer Wert gelegt.

Apothekerassistenten sind nur noch vereinzelt zu finden

„Ich habe mir damals viel Zeit für jeden Patienten genommen und das mache ich heute nicht anders“, sagt Elisabeth Schneider. Sie könne es sich beim besten Willen nicht vorstellen, zum Beispiel in einer Bahnhofsapotheke zu arbeiten. Dort, wo in einer Stunde massenweise Menschen nur hereinkommen, um eine Packung Paracetamol zu kaufen und dann wieder verschwunden sind, ohne dass man sie jemals wiedersieht. In Bestwig ist das anders. Auch wenn der Ort nicht klein ist, sei man doch so etwas wie eine Dorfapotheke, sagt Inhaber Jan-Wilhelm Prein und Elisabeth Schneider stimmt ihrem Chef kopfnickend zu.

Spezialisiert hat sich die 69-Jährige auf Kompressionsartikel. Wenn es nötig ist, macht sie sogar Hausbesuche, um zum Beispiel Strümpfe anzumessen. Auch für die Glückwunschkarten ist sie in der Falken-Apotheke zuständig. Die werden nämlich noch von Hand geschrieben - ganz persönlich, für jeden Patienten mit Kundenkarte ab dem 70. Geburtstag. Um die nötige Muße zu haben, schreibt Elisabeth Schneider die Karten von zu Hause aus. „Ich mache das einfach gerne“, sagt sie.

Damals war nicht alles besser

Was sie hingegen so gar nicht mag, sind die Computer in der Apotheke. „Für die jungen Kolleginnen mögen die Dinger eine Arbeitserleichterung sein, ich tue mich damit eher schwer“, gesteht Elisabeth Schneider - wohlwissend, dass es aufgrund der heutigen Regulierungswut gar nicht mehr ohne die moderne Technik geht. „Wir haben damals noch in den Apothekerschrank gegriffen, dort lag neben den alphabetisch sortierten Medikamenten ein Kärtchen, auf dem alles Wichtige draufstand“, erinnert sich die 69-Jährige. Was aber keineswegs heißen solle, dass damals alles besser war.

Kondome mit Musik

So habe sie in den Anfängen über Wochen 24-Stunden-Dienste gehabt, bevor in den 80er-Jahren der Notdienst zwischen den einzelnen Apotheken wochenweise geregelt worden sei. „Das muss ich heute nun wirklich nicht mehr haben“, sagt Elisabeth Schneider und lacht. Erinnerungen an all die Jahre hat sie reichlich. Zum Beispiel an zwei Jugendliche, die aus Jux in die Apotheke kamen, um zu fragen, ob es Kondome mit Musik gibt und denen sie geantwortet hat, ob es vielleicht die, mit Mozarts kleiner Nachtmusik sein dürften. Oder an Kunden, die beim Notdienst die Nachtglocke klingelten und mit einem drei Tage alten Rezept vor der Tür standen. Sie erinnert sich aber auch noch an den Moment, als sie einmal mit einem langjährigen Kunden gemeinsam geweint hat.

„Man wird im Laufe der Zeit mit viel Leid und schweren Schicksalen konfrontiert“, sagt Elisabeth Schneider. Natürlich müsse man im eigenen Interesse versuchen, manche Dinge nicht zu sehr an sich heranzulassen. Wenn man die Menschen aber schon seit Jahren kenne, sei das eben nicht immer ganz so einfach. „Immer ist mir das nicht gelungen“, gesteht sie.

Kein Ende in Sicht

Wie lange sie sich noch vorstellen kann, weiterzuarbeiten? Wieder lacht die 69-Jährige. „Ich mache weiter, so lange ich es schaffe. Ich liebe meinen Beruf, ich habe nette Kollegen und einen tollen Chef“, sagt sie und lächelt Jan-Wilhelm Prein an. Der lächelt zurück. An ihm soll es nicht liegen. Er weiß, was er an Elisabeth Schneider hat.