Von Kückelheim in die weite Welt

Foto: KettenWulf
Was wir bereits wissen
Es gibt im Altkreis Meschede eine einzige Rolltreppe. In Schmallenberg im Hit-Markt. Zu Hertie-Zeiten in Meschede waren es wohl zwei. Reißenden Absatz in der Heimatregion findet die Firma KettenWulf also vermutlich nicht – das Kückelheimer Familienunternehmen ist Weltmarktführer für Fahrtreppenketten, wie es im Fachjargon heißt. Wir haben mit Geschäftsführer Ansgar Wulf gesprochen.

Eslohe.. Frage: Herr Wulf, wie wird eine Kückelheimer Firma aus einer rolltreppenlosen Region Weltmarkführer in diesem Bereich?

Ansgar Wulf: Die Branche Fahrtreppenindustrie ist nur einer unserer Geschäftsbereiche. Wir liefern überall dort, wo etwas von A nach B bewegt wird, beispielsweise in der Automobilindustrie oder für Schüttgutanwendungen. Aber die Branche Fahrtreppen ist in der Tat eines unserer Kerngeschäftsfelder. Mein Urgroßvater und sein Bruder gründeten unser Unternehmen 1925. In den 1970er-Jahren stiegen wir in die Produktion von Ketten für Fahrtreppen ein. Die Hersteller befanden sich damals hauptsächlich im deutschsprachigen Raum. Weil die vielen hiesigen Anlagenbauer mit den Jahren weltweit expandierten und wir eine gute Kundenstruktur haben, sind wir mitgewachsen.

Warum das Sauerland?

Die Wurzeln meiner Familie und unserer Firma liegen hier. Aber auch heute sprechen viele Faktoren für den Standort. Gerade in Kückelheim wurde enormes Wissen zur Kettentechnik aufgebaut, das zeigt sich in der Qualifikation der Mitarbeiter. Generell ist in unserer Region die Affinität zu Metallberufen sehr groß. Bei Ingenieuren sagt man: Sie suchen ihre Erstanstellung in der Heimat oder am Studienort. Viele junge Sauerländer interessieren sich für ein Maschinenbaustudium in der Region – vorteilhaft für uns und die vielen Mittelständler in der Region.

Was genau bedeutet überhaupt „Weltmarktführer?“

Was Stückzahlen und Marktanteile angeht, sind wir ganz vorne dabei, der Rest des Kuchens verteilt sich auf viele Mitbewerber. Wir bieten unseren Kunden eine enorme Variantenvielfalt. Manche Mitbewerber haben drei oder vier Modelle im Programm, wir hunderte.

Kaum ein Rolltreppenfahrer bekommt je eine Ihrer Ketten zu Gesicht oder?

Da unser Produkt in der Fahrtreppe verbaut ist, sieht der normale Fahrgast diese nicht, es sei denn es handelt sich um eine „gläserne“ Einhausung der Fahrtreppe, wie es ab und an aus architektonischen Gründen vorkommt. Die Kette an sich läuft in der Fahrtreppe im Doppelstrang und ist direkt mit der Stufe verbunden. Die Kette ist ein wesentliches Element der Fahrtreppe, ohne sie läuft die Treppe nicht, und der Aspekt Sicherheit ist hier auch von großer Bedeutung.

Gibt es unterschiedliche Typen?

Grundsätzlich werden kommerzielle Fahrtreppen sowie Verkehrsfahrtreppen unterschieden. Die kommerzielle Variante kennt man aus Kaufhäusern. Diese müssen eher geringe Stockwerkshöhen überbrücken – meist liegen die Höhen zwischen vier und fünf Metern, was etwa 55 Stufen entspricht. Verkehrsfahrtreppen sind für die Beförderung großer Menschenmassen über hohe Stockwerke ausgelegt, zum Beispiel in U-Bahnstationen oder auf Flughäfen. Hier liegt der Durchschnitt der Stockwerkshöhe bei 15 Metern – was 160 Stufen entspricht. Die Anwendungen gehen aber auch mal gerne bis 40 Meter Stockwerkshöhe, was wiederum ganz andere Herausforderungen an unser Produkt mit sich bringt.Daneben gibt es auch die Fahrsteige. Sie laufen horizontal oder nur mit geringer Steigung– dann ohne Stufen, wie zum Beispiel in Supermärkten, damit die Einkaufswagen darauf passen.

Der KettenWulf-Rekord?

Die größte Stockwerkshöhe einer Fahrtreppe, für die wir Ketten geliefert haben, ist in der U-Bahn Prag mit etwa 43 Metern Höhe. Eine weitere interessante Anwendung ist im Pearson Airport in Toronto zu finden. Hier läuft der Express-Walkway, ein besonders langer und enorm schneller Fahrsteig. Bei solchen außerordentlichen Projekten arbeiten wir natürlich eng mit unseren Kunden, den Fahrtreppenherstellern, zusammen.

Welche Anforderungen werden an eine Kette gestellt?

Neben bestimmten Maßen muss sie enorme Kräfte aushalten, wir sprechen in der Branche von Bruchkräften. Kaufhaustreppen halten etwa 80 bis 180 Kilonewton aus, Verkehrsfahrtreppen 220 bis 1100. Hier liegt ein großer Teil unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeit, neben der Erprobung von Kettengelenken und Werkstoffen. Dann gibt es Fahrtreppen, die besonderen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, beispielsweise an einer Pagode in China, die unter freiem Himmel läuft. Und die Wartung spielt eine Rolle, Ketten müssen geschmiert werden. Es gibt wartungsarme und schmierfreie Varianten mit abgedichteten Kettengelenken und beschichteten Stahllaschen, um Schmutzentwicklung – Stichwort Umweltbewusstsein – und Wartungsarbeiten zu reduzieren.

Wie entwickelt sich der Markt?

Die Anforderungen an den Umweltschutz steigen, außerdem macht sich die Urbanisierung bemerkbar. Stichwort Megacity: Große infrastrukturelle Probleme bei Trink- und Abwasser oder im Verkehr. Es gibt viele U- und Eisenbahnstationen – also viele Fahrtreppen. Bis zu 60 000 werden pro Jahr produziert, davon kommt der Löwenanteil in Asien zum Einsatz, vor allem in China, wo wir auch eine Produktions- und Vertriebsstätte haben. Der Flugverkehr nimmt zu – Flughäfen werden vergrößert oder neugebaut. Das heißt: Größerer Absatz von Fahrtreppen.

Wie sieht es in Europa aus?

Hier besteht eher Bedarf an Ersatzteilen, ältere Modelle sind ja immer noch im Feld. Eine Kette ist ein Verschleißprodukt. Neben unserer Serienproduktion produzieren wir ältere Kettenmodelle nach. Mit der Zeit ändern sich Abmaße oder Anschlusstechnik.

Produzieren Sie hier denn noch neue Fahrtreppenketten?

Für Asien wird vorwiegend auch in unserem Werk in China produziert. In Europa gibt es auch noch einige Fahrtreppenwerke, die wir aus unserer Produktion in Kückelheim, aber auch aus unserem chinesischen Werk mit Ketten für das Neuanlagen- und Aftersales-Geschäft beliefern. Bei Riesenprojekten wie einer U-Bahnstation mit hunderten Treppen, was sich über Jahre hinziehen kann, werden auch Ketten aus deutscher Fertigung nach Asien verschifft und umgekehrt. Dabei gibt es übrigens keine Qualitätsunterschiede: „Made in Germany“ gilt zwar viel in der Welt, aber bei uns gibt es Ketten-Wulf-Qualität.