Traditionsgeschäft schließt

Was wir bereits wissen
41 Jahre bestand das Lederwarengeschäft von Manfred Rautert in Meschede. Ende Juni schließt der 68-Jährige den Laden. Im Interview nennt er Gründe - etwa die Konkurrenz durch das Internet.

Meschede.. Mit dem Lederwarengeschäft von Manfred Rautert verliert Meschede wieder ein Traditionsgeschäft. 41 Jahre bestand sein Betrieb an der Steinstraße. Derzeit ist Räumungsverkauf, Ende Juni schließt der 68-Jährige sein Geschäft.

Wenn Sie noch einmal jung wären, würden Sie dann noch einmal ein Geschäft eröffnen?

Manfred Rautert: Nein. Der Beruf war für mich immer auch Hobby, aber die guten Zeiten für inhabergeführte Geschäfte sind leider vorbei. Ich kann jungen Leuten nur davon abraten – wenn sie nicht bereit sind, ihr ganzes Herzblut da hinein zu stecken und auf vieles zu verzichten. Man muss wissen: In einem inhabergeführten Geschäft stehe ich jeden Tag neun bis zehn Stunden im Laden, plus samstags. In all der Zeit hatte ich eine Woche Urlaub im Jahr. Die inhabergeführten Geschäfte laufen nur noch, weil die Läden meistens im Eigentum der Familien sind und weil oft noch die Eltern mitmachen.

Welche Rolle spielt das Internet bei Ihrer Entscheidung, Ihr Geschäft zu schließen?

Das Internet ist das Hauptproblem. Ich hätte gerne noch weitergemacht. Im Internet kann ich auch am Wochenende bestellen, da habe ich die Welt der tausend Taschen zur Verfügung. Dann lässt man sich fünf zuschicken – und damit ist das Geschäft für mich als stationärer Händler gelaufen. Zusammen mit der Möglichkeit, Ware kostenlos zurückzuschicken, ist das der Tod des Einzelhandels.

Gibt es spezifische Gründe in Ihrer Branche?

Natürlich. Wenn Sie so wollen, leide ich unter dem Fluch der Qualität: Leder hält zu lange. Die hochwertige Ledertasche verkauft sich immer seltener. 70 Prozent der Taschen, die wir verkaufen, sind heute aus Kunststoff. Die finden Sie in Meschede an jeder Ecke. Früher mussten Schuhe und die Tasche bei einer Frau farblich zueinander passen. Heute kauft die Frau einen Behälter, in den sie alles hineinwirft. Die Farbe ist egal. Noch vor 20 Jahren machte man sich sogar schick, wenn man nur auf den Wochenmarkt ging. Heute läuft man, sonntags wie werktags, in Freizeitkleidung herum. Es ist alles leger geworden. Damit haben sich auch die Einkaufsgewohnheiten geändert. Wir können nicht mithalten. Wenn wir einen hochwertigen Trolley nicht mehr am Lager haben, dauert die Lieferzeit drei Monate. Schulranzen haben bis zu sechs Wochen Lieferzeit. Durch das Internet bekommt der Kunde die Ware am nächsten Tag geliefert.

Wie hat sich Meschede in Ihrer Wahrnehmung verändert?

Meschede ist zu ruhig geworden. Das hat mit der Schließung von Karstadt angefangen. Karstadt zog auch Menschen aus den Nachbarstädten an. Aber inzwischen? Schauen Sie doch morgens in die Fußgängerzone: Wie viele Leute treffen Sie denn noch da? Der Postbote sagt immer: Wenn die vielen Pakete, die er im Wagen habe und zustellen müsse, Kunden der Geschäfte seien, dann würde die Innenstadt anders aussehen. Er hat recht.

Ist die Steinstraße abgehängt von der übrigen Fußgängerzone?

Definitiv. Früher war hier ein Lauf. Inzwischen schauen die Leute vom Kaiser-Otto-Platz herauf, sehen hier kein Auto, keine Leute. Auch beim Wochenmarkt und bei den Events des Stadtmarketings verläuft am Kaiser-Otto-Platz die Grenze: Bis zum Platz sind die Stände, darüber hinaus nichts mehr.

Hätten Sie einen Tipp, was man in der Innenstadt ändern sollte?

Ich würde alle Büsche und Bäume in der Fußgängerzone entfernen lassen, damit man einen Durchblick von oben nach unten hat. Dann käme auch die Weihnachtsbeleuchtung richtig zur Geltung. Wir haben ja nur Billig-Gestrüpp und Mauern in der Fußgängerzone. Das könnte der Bauhof schnell ändern. Aber generell gilt, dass die Leute nicht wegen eines Neubaus einer Fußgängerzone, sondern wegen des Angebotes in die Stadt kommen. Das „Kleinzeug“, wie CDs oder Porzellan, fehlen. Der Mix müsste mehr stimmen. Meschede ist zu textillastig. Und dann haben die Textilgeschäfte auch noch die gleichen Marken.

Und was läuft gut in Meschede?

Der Service wird groß geschrieben, hier gibt es keine langen Wege. Bei Reparaturen sind die Geschäfte kulant. Und viele auswärtige Kunden schätzen das persönliche Gespräch: Das kennt der Städter nicht, der steht nur in der Schlange an und wartet darauf, dass er bezahlen darf.