Therapieplätze Mangelware

Überbelastung und hohe Verantwortlichkeit am Arbeitsplatz können zum Burnout führen.
Überbelastung und hohe Verantwortlichkeit am Arbeitsplatz können zum Burnout führen.
Foto: WR/Franz Luthe
Was wir bereits wissen
Sechs bis acht Monate müssen die Menschen im Hochsauerlandkreis bei psychischen Erkrankungen auf einen Therapieplatz warten - trotz steigender Anzahl von Psychotherapeuten.

Meschede..  Trotz steigender Anzahl von Psychotherapeuten in Deutschland und auch im Hochsauerlandkreis liegt die Wartezeit auf einen Therapieplatz bei sechs bis acht Monate. Karl Josef Fischer, Psychiatriekoordinator des Hochsauerlandkreises, erklärt im Interview die Situation im HSK.

Frage: Wie lang ist etwa die Wartezeit auf einen Therapieplatz im Sauerland?

Karl Josef Fischer: Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt momentan etwa sechs bis acht Monate. Die Möglichkeit zu einem Erstgespräch mit einem der niedergelassenen Psychotherapeuten ist allerdings schon nach etwa sechs bis acht Wochen möglich.

Woran liegt es, dass man so lange warten muss – gibt es zu wenig Ärzte oder zu viele Menschen mit Problemen?

Die Anzahl der niedergelassenen Psychotherapeuten/innen ist in den letzten Jahren gestiegen. Gleichzeitig ist auch die Inanspruchnahme einer psychotherapeutischen Behandlung gewachsen. Das liegt auch daran, dass die Medien zur Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen beigetragen haben, insbesondere durch die Berichterstattung von prominenten Betroffenen. Untersuchungen zeigen, dass rund 25 Prozent aller von den Ärzten und Psychotherapeuten im Rahmen von ambulanten psychotherapeutischen Leistungen gemeldeten Diagnosen eher leichten psychischen Erkrankungen zugeordnet werden können. So sind Anpassungsstörungen und leichte depressive Episoden Anlass, sich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Die wirklich chronisch schwer psychisch Erkrankten finden aufgrund ihres schweren Krankheitsbildes oft nicht den Zugang zu einer Behandlung weil jegliche Motivation zu einer Behandlung krankheitsbedingt fehlt.

Wie können sich Betroffene in der Zwischenzeit helfen oder helfen lassen?

Der Sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes (SpDi) ist Ansprechpartner neben den weiteren psychosozialen Beratungsstellen im Hochsauerlandkreis. Der Schwerpunkt der Arbeit des SpDi liegt gerade in der Beratung, Betreuung und Begleitung der Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörigen im Rahmen der Vorsorge, Nachsorge und Krisenintervention. Ein weiterer Ansprechpartner ist sicherlich der Hausarzt, der seine Patienten kennt.

Gibt es mehr oder weniger Therapeuten als noch vor zehn Jahren?

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe in Arnsberg hat sich die Zahl der niedergelassenen Psychotherapeuten (dazu zählen die psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten/innen) in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt.

Woran liegt der gestiegene Bedarf an Therapieplätzen?

Die Gründe sind vielschichtig und liegen sicherlich auch an einer verbesserten Diagnostik der psychiatrischen Krankheitsbilder. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat sich „beschleunigt“, Menschen sind immer „online“, und daher ständig erreichbar. Angst vor Arbeitslosigkeit, die erhöhte Anforderung an Mobilität und Flexibilität im Beruf und die zunehmende Arbeitsverdichtung tragen dazu bei und betroffen sind alle sozialen Schichten. Das im Hochsauerlandkreis gegründete „Bündnis gegen Depression“ hat in den letzten zwei Jahren durch Startveranstaltungen in den zwölf Städten und Gemeinden zur Enttabuisierung auch dieses Krankheitsbildes beigetragen. Depression ist mittlerweile eine Volkskrankheit geworden, die sich durch eine ärztlich- und psychotherapeutische Behandlung gut behandeln lässt.