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„Seit dem Tag ist Papa wieder böse“

14.09.2012 | 16:18 Uhr
„Seit dem Tag ist Papa wieder böse“
Wenn Eltern trinken, müssen Kinder mit vielen unterschiedlichen Gefühlen klar kommen. Sie fühlen sich schuldig, schämen sich und übernehmen oft viel zu viel Verantwortung.Foto: Getty Images

Meschede.   Udo Steinke und Friederike Kersting vom Kreuzbund Meschede gründen erste Kinder- und Jugendgruppe für Kinder psychisch kranker Eltern im HSK.

Der 10-jährige Jan rastet bei jeder Gelegenheit aus, wird aggressiv, schlägt seine Klassenkameraden. Ist er gut drauf, spielt er den Clown. Sein 13-jähriger Bruder Lars hat sich schon vor Monaten komplett zurückgezogen. Redet nicht, erzählt nichts. Freunde bringen beide schon lange nicht mehr nach Hause. Denn nie können sie sicher sein, dass zu Hause alles so ist wie bei anderen Familien. Ihr Vater trinkt.

Natürlich gibt es Lars und Jan nicht und doch gibt es sie hundertfach im Kreis. Jungen und Mädchen, die leiden, weil ihre Eltern psychisch krank sind, abhängig von Drogen, Tabletten und Alkohol, spielsüchtig oder gepeinigt von Essstörungen. Eltern, die an einem Tag verschwenderisch großzügig mit Liebe und Geld sind, am nächsten Tag weinerlich oder aggressiv. Oft funktionieren sie nach außen, arbeiten oder führen den Haushalt. „Doch die Kinder merken genau, dass etwas nicht stimmt“, sagen Friederike Kersting und Udo Steinke.

Die beiden Kreuzbund-Mitglieder wissen, wovon sie sprechen. Udo Steinke ist seit 11 Jahren trockener Alkoholiker, Friederike Kersting hat als Ehefrau eines seit vier Jahren trockenen Alkoholikers selbst lange unter der Krankheit ihres Mannes gelitten. Um den Kinder psychisch kranker Eltern zu helfen, wollen sie in Meschede die erste „Smily-Kids-Gruppe“, eine Kinder- und Jugendgruppe des Kreuzbundes, im HSK gründen.

Die erste Smily-Kids-Gruppe überhaupt entstand nur wenige Kilometer vom Hochsauerlandkreis entfernt 1996 in Lennestadt, gegründet von Christa Gattwinkel. Auch sie wollte etwas dafür tun, dass die Kinder psychisch kranker Eltern wieder fröhlich werden. „Sie sollen merken, dass sie nicht allein sind mit ihren Sorgen“, sagt Friederike Kersting „und lernen, dass sie sich nicht schämen müssen, weil Vater oder Mutter trinken oder sich gar deswegen schuldig fühlen.“

In einem geschützten Rahmen sollen sich Jungen und Mädchen im Alter zwischen 6 und 16 Jahren treffen, es wird gespielt, gemalt, meditiert. „Und wer mag, redet und weiß, dass die anderen ihn verstehen werden, weil sie ähnliche Probleme haben“, sagt die Erzieherin, die die Kindergruppe leiten wird. Udo Steinke leitet parallel den Erwachsenen-Gesprächskreis, in dem sowohl Betroffene als auch Angehörige willkommen sind. „Es ist uns schon wichtig, dass eine Bezugsperson mitkommt“, sagt Steinke, der seit Jahren auch im Kreuzbund mitarbeitet. „Kinder sollen hier nicht einfach abgegeben werden.“ Wichtig ist beiden: „Alles, was in den Kindergruppen besprochen wird, bleibt auch dort.“

Sie räumen mit einem Vorurteil auf: Man dürfe nicht glauben, dass Kinder unter der Sucht ihrer Eltern weniger leiden, weil sie noch nicht so viel mitbekommen. „Kinder sind obersensibel“, sagt Friederike Kersting und erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der noch nicht lesen konnte, aber Christa Gattwinkel auf ein Sternchen in seinem Kalender aufmerksam machte: „Seit dem Tag ist Papa wieder böse.“

Von Ute Tolksdorf



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