„Schüler sind stärker belastet“

Mit Roland Zeppenfeld spricht Redakteurin Kathrin Clemens.
Mit Roland Zeppenfeld spricht Redakteurin Kathrin Clemens.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Zu G8 hätte ein verpflichtender Ganztag gehört, sagt Berthold Zeppenfeld, Schulleiter am Gymnasium der Stadt Schmallenberg im Stadtgespräch.

Schmallenberg..  Gerade erst hat er die diesjährigen Abiturienten verabschiedet – einen von vielen Jahrgängen, die er schon begleitet hat: Berthold Zeppenfeld leitet seit 2007 das Schmallenberger Gymnasium. Im Stadtgespräch erinnert sich der 60-Jährige an sein eigenes Abitur, erklärt, warum in seiner Schreibtisch-Schublade eine gelbe Karte liegt und verrät, womit er sich privat am liebsten beschäftigt.

Gerade haben Sie die diesjährigen Abiturienten verabschiedet. Welchen Notendurchschnitt hatten Sie selbst damals?

Berthold Zeppenfeld: Bei uns gab es noch gar keine Durchschnittsnoten, aber ich habe mal ausgerechnet, dass es eine 2,3 war. Die älteren Abiturienten, die Jahrzehnte nach ihrem Abschluss wieder in ihre Klausuren schauen, sind oft erstaunt, dass die Noten früher im Allgemeinen schlechter waren.

Woran liegt das?

Es gibt verschiedene Gründe. Einerseits ist die Notengebung besser geworden, andererseits können sich die Schüler seit der Einführung des Zentral-Abiturs sehr genau auf die Anforderungen vorbereiten. Und die meisten nutzen das auch.

Zentral-Abi und G8 sind zwei Schlagworte, die in den vergangenen Jahren immer wieder gefallen sind. Vor allem weil dadurch der Stress für die Schüler gestiegen sein soll. Stimmt das?

Es sind insgesamt mehr Unterrichtsstunden zu bewältigen, so dass die Schüler vor allem mit höherem Alter mehr Stunden in der Schule verbringen müssen. Das stimmt. Allerdings ist es faktisch nicht so, dass die Unterrichtsstunden eines kompletten Schuljahres umverteilt werden müssen. Es gibt die Rechnung, dass man ein knappes halbes Schuljahr an Unterricht mehr auf die verbliebenen acht Jahre verteilen muss. Das führt unweigerlich dazu, dass die Schüler stärker belastet sind. Aus meiner Sicht hätten G8 und ein verpflichtender Ganztag zusammen eingeführt werden müssen. Bei einem Halbtags-Gymnasium ist es so, dass alle Stunden, die in den Nachmittag verlegt werden, gefühlsmäßig oben drauf kommen.

Wie lässt sich der Stress reduzieren?

Wir haben zum Beispiel ein Doppelstunden-Modell eingeführt. Das heißt für die Schüler der Sekundarstufe I, dass sie maximal drei bis vier verschiedene Fächer pro Tag haben. Dadurch ist die Woche klarer strukturiert.

Wie verstehen Sie Ihre Lehrer-Rolle?

Ich bin der Lehrer, der Schüler ausbildet und sie erzieht. Ich begleite sie ein Stück beim Erwachsenwerden.

Sind Sie eher streng oder nachsichtig?

Wir verabreden mit allen Schülern schon zu Beginn der Klasse 5 Regeln, die damit für alle klar sind. Letztlich bin ich aber auch oft nachsichtig im Umgang mit den Schülern. In meiner Schreibtisch-Schublade bewahre ich eine gelbe Karte auf, die ich ihnen zeige, wenn sie zum ersten Mal gegen eine der Regeln verstoßen haben. Und in 95 Prozent der Fälle reicht das aus. Wir haben hier allerdings auch eine sehr gut erzogene Schülerschaft. Nur mit der Handy-Regelung haben wir uns selbst ein Problem geschaffen.

Was besagt die?

Schüler der Sekundarstufe I dürfen ihr Handy während der Schulzeit gar nicht benutzen. Für Schüler der Sekundarstufe II gibt es einen gesonderten Bereich, in dem sie die Geräte benutzen dürfen. Mein eindeutiges Gefühl ist, dass das Handy so eng zum Alltag der Jugendlichen gehört, dass das Verbot für sie nur schwer einzuhalten ist.

Also wollen Sie es lockern?

Nein. Wir hatten zunächst Ausnahmen für die Pausen, aber diese Regelung war nicht praktikabel. Ich bin auch der Ansicht, dass die Nutzung des Handys die Schüler stark fesselt und ablenkt. Nicht nur vom Unterricht, sondern auch von sozialen Kontakten in der realen Welt.

Nutzen Sie selbst Facebook oder WhatsApp?

Facebook nicht, WhatsApp schon. Aber ich nutze es nicht für Schulzwecke, sondern nur privat. Ich leite eine Laien-Schauspielgruppe in Eversberg, und da zeigt sich immer wieder, wie praktisch dieser Kommunikationsweg ist.

Welche Rolle spielt Kultur in Ihrem Leben?

Vor allem das Theater ist mir wichtig. Ich bin sehr vernarrt in diese Form der Kultur. Die Arbeit mit der Gruppe in Eversberg ist für mich pure Entspannung und ein guter Ausgleich zum Job. In der kulturellen Vereinigung setze ich mich dafür ein, auch professionelle Theatergruppen nach Schmallenberg zu holen.

Stehen Sie auch selbst auf der Bühne?

Ja, in Eversberg fehlt immer mal eine Besetzung für eine männliche Rolle und dann springe ich ein. Aber das Organisieren und Inszenieren liegt mir deutlich mehr.

Und was machen Sie ansonsten in Ihrer Freizeit?

Passiv Sport treiben, wenn man das so nennen kann. Ich gucke zum Beispiel sehr gerne Fußball. Und ich lese gerne, vor allem belletristische Literatur und Krimis. Zur Entspannung greife ich auch gerne mal zu einem der Regional-Krimis, die gerade so in Mode sind.

Welches Buch liegt gerade auf ihrem Nachttisch?

Ich habe gestern eins zu Ende gelesen, aber mir fällt der Titel gerade nicht ein. (Nachtrag: Lisa Genova – „Mehr als nur ein halbes Leben“) Es geht darin um eine Frau, die nach einem schweren Unfall plötzlich halbseitig gelähmt ist und ihr Leben neu ausrichten muss. Ausgewählt werden die Bücher häufig von meiner Tochter, die gelernte Buchhändlerin ist. Mittlerweile erstellt sie E-Books.

Setzen Sie auch auf elektronische Bücher?

Ja, ich habe einen E-Book-Reader. Den nutze ich vor allem im Urlaub sehr gerne.

Wohin geht es denn in den Sommerferien?

An den Chiemsee und dann noch mit unserer Enkelin an die Nordsee. Sie ist gerade drei Jahre alt und die ganze Familie ist wirklich vernarrt in sie.

Nach der Entspannung steht dann ein großes Fest an – das Gymnasium wird 90 Jahre alt.

Genau. Und seit 40 Jahren gibt es das Gebäude an der Obringhauser Straße. Den „runden“ Geburtstag wird die Schule am 12. September mit einem Schulfest und einem Schulball feiern, wozu auch alle Ehemaligen herzlich eingeladen sind. Außerdem wollen wir ein Leitbild veröffentlichen und neue Konzepte entwickeln, um die Schüler noch individueller zu fördern. Wir fühlen uns der Tradition der Schule verpflichtet, die jungen Menschen aus dem Stadtgebiet gut auszubilden und ihnen die nötigen Voraussetzungen für Studium und Beruf zu vermitteln.