Nächtliche Alpträume und Schuldgefühle

Blick in die zerstörte syrische Stadt Kobane. Raketen und Gefechte haben dort viele Menschen getötet und die Stadt völlig zerstört. Kobane liegt rund 350 Kilometer westlich von Qamishli, wo die Familie von Sonya Ceylan lebt.
Blick in die zerstörte syrische Stadt Kobane. Raketen und Gefechte haben dort viele Menschen getötet und die Stadt völlig zerstört. Kobane liegt rund 350 Kilometer westlich von Qamishli, wo die Familie von Sonya Ceylan lebt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Sorge um die Familie in Syrien belastet auch Mescheder Familien.

Meschede..  Der Krieg in Syrien scheint im beschaulichen Meschede weit entfernt. Für die Meschederin Sonya Ceylan rückte er eine zeitlang so nah, dass sie sich selbst davor schützen musste. „Am schlimmsten war es, als meine Cousine sich per Skype aus Damaskus meldete. Man konnte hören, wie im Hintergrund die Bomben fielen und mein Onkel schrie, ,Wir sind mitten im Feuer, holt uns hier raus!‘“, erinnert sie sich mit Grauen. „Aber was sollten wir tun? Diese Hilflosigkeit macht mich fertig.“

Aus dem türkischen Grenzgebiet

Sonya Ceylan ist 35 Jahre alt, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter stammt aus Syrien. Sie sind Aramäer. Ihre Onkel und Tanten leben im Osten und Westen Syriens an den Grenzen zur Türkei, vor allem in Qamischli, das liegt im kurdischen Autonomiegebiet, in Damaskus und in Aleppo. 1973 waren ihre Eltern nach Deutschland gekommen, um hier bei Honsel zu arbeiten.

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Als der Krieg ausbrach, war die Familie anfangs noch nicht so besorgt. „Wir haben gehofft, das geht bald wieder vorbei. Es gab ja immer wieder mal politische Unruhen dort.“

Aus ihrer Kindheit erinnert sich sie sich gern an Fahrten in eine fremde Welt. „Die Reise in den Sommerferien mit dem Auto über die Türkei nach Syrien war ein Abenteuer. “ Jedesmal zwar ein kleiner Kulturschock, aber auch eine Reise in eine seltsam vertraute Welt. Selbst hat sie Syrien zuletzt 2002 bereist. „Ein traumhaftes Land- ich würde es so gerne wiedererleben“, schwärmt sie.

Mit Ausbruch der Unruhen war es vor allem ihre Mutter, die Kontakt hielt. „Wir wussten, dass sich unsere Familie dort nicht mehr sicher fühlte.“ Ab 2013 verschärfte sich die Situation. Ein Teil der Familie verließ in einer Nacht- und Nebelaktion ihre Häuser. Sonya Ceylan hielt Kontakt zu einigen Cousins und Cousinen. Regelmäßig klingelte jetzt auch ihr Handy. „Man sitzt hier in Meschede und kann nichts machen. Die Hilflosigkeit war das Schlimmste, und meine Mutter war vor Sorge völlig am Ende.“

Die Ceylans rieten ihrer Familie zu fliehen. Doch die meisten wollten ihr Hab und Gut nicht zurücklassen. Lebensmittel und Strom wurden knapp, und dann schlossen sich die Grenzen. Sonya Ceylan: „Sie wussten, wenn wir jetzt gehen, gibt es kein zurück.“ Und oft hörte vor allem ihre Mutter auch den Satz: „Wenn wir sterben, dann hier.“

Alle Nachrichten verfolgt

Sonya verfolgte alle Nachrichten, alle Meldungen über Syrien. Videos über Hinrichtungen, schreckliche Bilder von zerfetzten Leibern und toten Kindern verfolgten sie in den Schlaf. Jeden Tag habe sie mit schlimmen Nachrichten gerechnet. „Ich bekam Alpträume, hatte das Gefühl, ich bin selbst im Krieg.“ Sie hatte große Angst um ihre Verwandten. „Und das Schlimmste war das Gefühl der Ohnmacht. Du fühlst dich schuldig, weil du deiner Familie nicht helfen kannst.“

Gott sei Dank schafften es dennoch einige ins Ausland. Sonya empfahl dem Onkel in Damaskus dringend sich an die Hilfsorganisation der UNO „UNHCR“ zu wenden. Sie leitete auch die Kontaktdaten weiter. Dort half man ihnen zunächst in den Libanon und von dort aus weiter in die USA.

Ein weiterer Onkel mit Familie konnte per Aufnahmeverfahren im Rahmen des Bundesprogrammes ausreisen, „Was wirklich ein Glücksfall war“, sagt Sonya, „denn anschließend wurde das Programm geschlossen.“

Allen anderen Familienmitgliedern, die es nicht geschafft haben auszureisen, geht es den Umständen entsprechend gut.“ Jedenfalls sagen sie das, wenn ihre Mutter mit ihnen telefoniert. „Aber ich glaube kaum, dass sie die Wahrheit sagen, das ist ein Überwachungsstaat.“

Sonya und ihre Familie haben gelernt auch in Meschede mit dem Krieg zu leben. Trotzdem sagt sie: „Wenn uns schon die Hilflosigkeit krank macht, dann wage ich mir nicht auszumalen, wie es den Menschen in Syrien geht. “ Gleichzeitig appelliert sie an die Bürger im Sauerland, auch bei der Diskussion um die Flüchtlinge nicht zu vergessen: „Diese Menschen sind nicht freiwillig hier. Sie sind Gewalt und Terror entkommen und haben alles zurücklassen müssen.“