Nachbarschaftsstreit einfühlsam lösen, raten Schiedsleute

So weit kann ein Nachbarschaftsstreit führen: Die Warnung vor dem Nachbarn – der in diesem Fall
So weit kann ein Nachbarschaftsstreit führen: Die Warnung vor dem Nachbarn – der in diesem Fall
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Was tut eine Schiedsperson und mit welchen Fällen haben die Beteiligten zu tun? Unsere Redaktion hat mit zwei Schiedsleuten gesprochen.

Meschede.. „Menschen wieder ins Gespräch bringen“, betitelte diese Zeitung Anfang Februar einen Artikel über den neuen Bestwiger Schiedsmann Hubert Strube. Besser hätte man die Aufgabe nicht beschreiben können, finden seine Mescheder Amtskollegen Fritz Hemme und Jens Scharf. Wir wollten es aber noch etwas genauer wissen.

Was tut eine Schiedsperson?

Eigentlich ganz banal: Sie versucht, mit Einfühlungsvermögen und gesundem Menschenverstand Meinungsverschiedenheiten zwischen Bürgern auszuräumen. Das können Probleme an der Grenze zum Nachbarn, kleinere Schadensersatzforderungen oder Beleidigung und üble Nachrede sein. Grundgedanke des Schiedsamtswesens: Gerichte und deren teure Mitarbeiter nicht mit Zwistigkeiten zu belasten, die durch pragmatische Gespräche beigelegt werden können. Schiedsmänner arbeiten kostengünstiger und – bei gutem Willen – schneller als Gerichte.

Wie läuft das Verfahren?

Fritz Hemme sagt: „Rein formal stellt der unzufriedene Nachbar einen Antrag beim Schiedsmann und zahlt 70 Euro Vorschuss. Dann kommt es zum Ortstermin und Schlichtungsgespräch. Einigen sich die Parteien, schreibe ich ein Protokoll. Andernfalls erhält der Antragsteller eine Erfolglosigkeitsbescheinigung und kann damit dann sein Glück bei Gericht versuchen.“

Und Jens Scharf ergänzt: „Der neutralere Blick des Schiedsmannes kann helfen, ein Problem zu lösen.“ Und gelegentlich bringt ein Wechsel der Perspektive Bewegung ins Spiel: Hinter einer zu hohen Hecke fühlen sich mögliche Einbrecher viel wohler.

Beide berichten, dass sich etliche Anliegen von Bürgern sozusagen zwischen Tür und Angel lösen lassen. Mit grundsätzlichen Informationen zu den rechtlichen Gegebenheiten und vermittelnden Telefonaten lässt sich oft der Gesprächsfaden zwischen den Beteiligten wieder aufnehmen.

„Wir bemühen uns, an die hinter dem Problem liegenden Motive heranzukommen, weil so leichter Lösungswege gefunden werden können“, sagt Scharf. Bei einer üblen Nachrede könnten jahrelange Spannungen wie Zwiebelschalen übereinander liegen. „Wenn es mir dann gelingt, die Beteiligten zu einem respektvollen und offenen Gespräch zusammen zu führen, bringt das ehrliche Bedauern mehr als ein Schmerzensgeld.“

Wie wird man Schiedsperson?

Schiedsleute werden für fünf Jahre vom Stadtrat gewählt. Sie müssen über 30 und unter 70 Jahre alt sein und ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis vorweisen können. In der praktischen Arbeit sind Gelassenheit und Augenmaß bedeutsamer als genaue Paragrafenkenntnisse im Nachbarschafts- oder Strafrecht. Dazu gibt es Schulungen.

Was sind die Motive?

Fritz Hemme beschreibt das so: „Ich freue mich, wenn Menschen wieder miteinander auskommen und ich dazu beitragen konnte. Außerdem möchte ich als Pensionär nicht nur die Beine hochlegen. Wer zuviel rastet, der rostet schneller.“

Jens Scharf treibt auch berufliches Interesse um. Der Kommunikationsberater und -trainer hat Spaß an der Arbeit mit Menschen und freut sich über Erfolge.
So wie diesen: Er kam zu einer Frau ins Haus, die mit ihrer Tochter unter einem Dach lebte – total verkracht, die Mutter litt sehr darunter. Die Tochter kam zufällig vorbei; Scharf schaffte es, dass sie sich dazusetzte. Nach zwei Stunden Arbeit lagen sich Mutter und Kind in den Armen.

Lässt sich Streit lösen?

Manches lässt sich mit ein paar Telefongesprächen oder quasi im Vorbeigehen regeln. Andere Fälle ziehen sich über Monate hin. „Man muss schon stabil sein“, grinst Scharf. „Und wenn man erfolglos viel Lebenszeit in den ersten ziemlich Verbohrten investiert hat, geht man die nächsten Fälle geschäftsmäßiger an“, sagt Hemme.

Steigt die Zahl der Fälle?

Die Statistiken zeigen eher sinkende Fallzahlen. Über Gründe können die beiden aus ihrer Erfahrung nur spekulieren. Eine Entwicklung sieht Hemme mit Sorge: „Viele stellen in unserer Gesellschaft ihr Ego über das Allgemeinwohl. Sie sehen die Rechte, die ihnen das Gesetz gibt, weniger die Pflichten.“ Der Kapitalismus fordere eine gewisse Rücksichtslosigkeit, man sei angehalten, sich im Beruf durchzusetzen. Eine Rolle spielen könnten leicht zugängliche Rechtsschutzversicherungen und die gestiegene Zahl an Rechtsanwälten, die Geld verdienen wollen. „Oder zeugt es von einer gewissen Armut im Geiste, wenn jemand meint, im öffentlichen Raum immer an der gleichen Stelle parken zu müssen und sich deswegen mit seinen Nachbarn streitet?“ fragt sich Hemme.

Die Justizentlastung verkehre sich zunehmend ins Gegenteil, so der pensionierte Agraringenieur.

Wo sind die Grenzen?

Schiedspersonen hören zu. Auch mehrmals zum gleichen Thema. Aber sie sind keine Therapeuten. „Ich hatte einen älteren Herrn aus Brilon“, erzählt Jens Scharf, „der schüttete mir alle paar Tage sein Herz aus. Menschen wollen reden, viele vereinsamen. Ich kann nur versuchen, den Anrufer auf andere Gesprächsmöglichkeiten hinzuweisen.“ Hemme ergänzt: „Für Probleme zwischen Eheleuten bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Schiedspersonen sind keine Therapeuten.“

Beide sind sich einig: „Wir halten das Schiedsverfahren für eine sinnvolle Einrichtung. Es bietet eine Chance für Gutwillige und Vernünftige, ihre Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Und wir wollen uns die Freude an dieser Arbeit auch nicht vom gelegentlichen Umgang mit Querköpfen verderben lassen.“