„Milchpreis zeigt endlich eine Trendwende“

Viele Milchbetriebe stehen weiter mit dem Rücken zur Wand – auch wenn sich der Milchpreis langsam erholt. Die Zahl der Milchviehbetriebe ist von 2012 bis 2015 von 441 auf 389 zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Milcherzeugung im Kreis von 2010 bis 2015 um 17 Prozent angestiegen.
Viele Milchbetriebe stehen weiter mit dem Rücken zur Wand – auch wenn sich der Milchpreis langsam erholt. Die Zahl der Milchviehbetriebe ist von 2012 bis 2015 von 441 auf 389 zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Milcherzeugung im Kreis von 2010 bis 2015 um 17 Prozent angestiegen.
Foto: Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
  • Hubertus Stratmann, Leiter Landwirtschaftskammer, hofft auf eine Trendwende am Milchmarkt
  • Obwohl die Zahl der Betriebe zurückgegangen ist, ist die Milchmenge weiter gestiegen
  • Viele Landwirte müssen ihre Verluste quersubventionieren

Meschede..  „Die Lage in der Landwirtschaft ist... zufriedenstellend“, sagt Hubert Stratmann, Leiter der Landwirtschaftskammer, nach längerem Überlegen. Vor allem die Situation in der Milchwirtschaft mit extrem niedrigen Preisen drückt auf die Stimmung. Den Milchbetrieben macht er trotzdem Mut, die aktuelle Situation durchzustehen.

Im Internet kursiert der Spruch „Ich würde freiwillig 1,50 Euro für den Liter Milch zahlen, um den Bauernhöfen das Überleben zu sichern.“ Was sagen Sie dazu?

Hubert Stratmann: In den Medien gibt es immer Verbraucher, die erklären, dass sie bereit sind, höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen und einige Verbraucher tun dies wirklich, wie der stabil hohe Preis für Biomilch auch bestätigt. Leider sind dies jedoch nur Marktnischen und der größte Teil der Verbraucher kauft eben doch preisbewusst ein. Sicherlich sind jedoch die meisten bereit für ein Grundnahrungsmittel wie Milch einen angemessenen Preis zu bezahlen, der auch die Gesamtkosten beim Milcherzeuger deckt und dessen Existenz sichert. Bei einem Preis von 1,50 Liter besteht jedoch die Gefahr, dass die „Gewinnspanne“ zu hoch ist und ein zu starker Anreiz zur Produktionssteigerung besteht. Und zu viel Milch können wir im Moment auch nicht gebrauchen.

Der quasi halbierte Milchpreis – im August lag er mit 22,8 Cent sogar unter den Kosten von rund 35 bis 40 Cent – belastet die Milchbauern. Ein Unternehmer, der nur noch die Hälfte für sein Produkt erhält, müsste nach kurzer Zeit aufgeben oder zumindest Kurzarbeit anmelden. Wie stehen die Landwirte die Krise durch?

Teilweise ist die Situation tatsächlich existenziell bedrohlich. Milchbauern können nicht so agieren wie ein Unternehmer. Der kann Maschinen anhalten und Leute entlassen. Der Milchbauer befindet sich in einem laufenden Prozess. Die Nachzucht eines Kalbes bis zur Milchkuh dauert zwei Jahre. Wer einmal die Milchkühe abgeschafft hat, für den ist das Thema in der Regel komplett erledigt. In dieser Milchkrise geben daher nur Betriebe auf, in denen der Betriebsleiter keinen Nachfolger hat und kurz vorm Rentenalter ist oder Landwirte, die die Möglichkeit haben, außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten aufzunehmen. Betriebe mit Schwerpunkt Milchviehhaltung – besonders wenn sie in diesem Bereich in den letzten Jahren investiert haben – müssen durchhalten und sind gezwungen ihre Produktionskosten zu senken und mit Einkünften aus anderen Bereichen, zum Beispiel Holzverkauf, die Verluste auszugleichen.

Wie kann man den von der Krise am meisten betroffenen Betrieben helfen?

Es ist wichtig, dass alle Marktpartner, also beispielsweise die Banken, den Betrieben jetzt nicht in den Rücken fallen und Kredite zurückziehen. Bei uns erhalten sie Hilfe durch unsere Unternehmensberatung mit Liquiditätsplanung oder Finanz-Check. Aber auch die Milchbauern müssen noch lernen mit den Ausschlägen des freien Marktes umzugehen und in guten Zeiten Rücklagen bilden.

Hilft das aktuelle Milchreduzierungsprogramm auch heimischen Betrieben?

Bei der ersten Antragstellung haben sich aus dem HSK 86 Milcherzeuger beteiligt. Das Programm ist auf drei Monate und maximal 50 Prozent der Vorjahresmenge beschränkt. Pro Kilogramm Milch, das sie weniger erzeugen, erhalten sie dann 14 Cent. In erster Linie ist dies ein zusätzlicher Anreiz für ausscheidende Betriebe, aber es wird natürlich insgesamt die Angebotsmenge in Europa um bis zu zwei Prozent gesenkt, was die Marktsituation leicht entspannt und allen aktiven Milchviehhaltern durch hoffentlich steigende Marktpreise hilft.

Wie hat sich insgesamt die Situation hier entwickelt?

Die Zahl der Milchviehbetriebe ist von 2012 bis 2015 von 441 auf 389, also um 52 Betriebe zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Milcherzeugung im Kreis von 2010 bis 2015 um 17 Prozent angestiegen, weil einige Betriebe in neue Ställe investiert und die Kuhbestände aufgestockt haben, um langfristig ein ausreichendes Einkommen zu sichern. Glücklicherweise zeigen Marktpreise bei Milch endlich eine Trendwende und viele Molkereien hoffen bis zum Jahresende 2016 wieder einen Milchpreis von 30 Cent pro Kilogramm auszahlen zu können, der zwar immer noch nicht die Kosten voll deckt, aber die schmerzlichen Verluste deutlich verringert.

Hintergrund

Grünland – rund 36 000 Hektar Fläche – Bilanz: sehr gut. Durch den relativ feuchten Sommer ist es gut gewachsen und die Landwirte konnten drei bis vier ertragreiche Schnitte machen. Etwas problematisch war die Ernte bei unbeständigem Wetter. Sie blicken jetzt relativ gelassen auf den trockenen Herbst, weil sie schon genug Winterfuttervorräte haben.

Getreide (Winterweizen, Wintergerste,Triticale, Hafer, Sommergerste) – 10 000 Hektar Bilanz: unterdurchschnittlich. Die Erträge liegen 10 bis 15 Prozent unter Vorjahresniveau, was bei den Winterkulturen auf fehlendes Winterwetter und auch auf dem feuchten und kühlen Frühsommer geschuldet ist. Die Ernte bei unbeständigem Wetter war vielfach schwierig.

Winterraps – 2000 Hektar Bilanz: unterdurchschnittlich. Ebenfalls aufgrund der Wetterverhältnisse etwa 10 Prozent geringere Ernte. Hagelschäden gab es nur punktuell.

Silomais – rund 4000 Hektar – Bilanz: auf Vorjahresniveau. Die Ernte von Silomais läuft zurzeit auf Hochtouren. Der Mais hat relativ gute Kolben ausgebildet, so dass er viel Energie hat. In flachgründigen Lagen musste er wegen der Trockenheit vorzeitig notgeerntet werden.

Weihnachtsbäume – rund 12 000 Hektar – Bilanz: gute Bestände und gute Qualität. Die Kulturen wurden im Frühjahr nicht durch Spätfröste geschädigt und das feucht-kühle Sommerwetter war günstig, so dass die Bestände gute Qualität haben. Da bereits in 2015 die ersten Weihnachtsbäume von den Kyrill-Flächen auf dem Markt waren, wird eine Angebotsmenge wie im Vorjahr erwartet. Die Preise für Getreide und Raps sind gegenüber dem Vorjahr gefallen, so dass in Verbindung mit den niedrigeren Erträgen die wirtschaftliche Situation im Ackerbau angespannt ist. Bei den Weihnachtsbäumen erwarten die Experten stabile Preise im Vergleich zum Vorjahr.