Mietvertrag läuft schon seit 100 Jahren

Wennemen..  Das ist eines dieser privaten Jubiläen, die eigentlich unbemerkt im Stillen geschehen. Aber wo gibt es das sonst, dass eine Familie seit 100 Jahren Mieter in ein und demselben Haus ist? In einem der ältesten Häuser in Wennemen ist das so. Gisela Gerth ist hier geboren worden, hat darin ihr ganzes Leben verbracht und sagt, mit all der Gelassenheit des Alters, „hier komme ich auch erst mit den Füßen voraus weg“.

An Buchstaben gespart

Willi Stahlmecke ist der Vermieter. Es ist das Elternhaus seiner verstorbenen Frau Barbara. Ein historisches Gebäude an der Bundesstraße, Ecke Holdmeckeweg. Im Juli 1797 ist das Fachwerkhaus gebaut worden: „Fritz Ernst Wunsch u. Elsabet Eighof hben dieses Hus aufbauen lasen“, ist über der Deele zu lesen. „Da haben die Erbauer wohl an den Buchstaben gespart“, sagt Stahlmecke angesichts der Fehler im Schriftzug und lacht.

Möglicherweise war das Gebäude früher ein Forsthaus, etwas Landwirtschaft gehörte – wie überall – früher natürlich dazu. Das Haus hatte die Nummer 9: Weil die Häuser früher nach Fertigstellung einfach durchnummeriert wurden, dürfte dieses das neuntälteste Gebäude in Wennemen gewesen sein. Niedrige Stufen gibt es zum Beispiel seit alters her in diesem Gebäude: „Damit sollte den Älteren das Treppesteigen erleichtern werden. Dumm waren die Menschen vor uns nicht“, sagt Stahlmecke.

Seit 1914 lebt die Familie Gerth darin. Der Vater Wilhelm war als Eisenbahner am Stellwerk in Wennemen beschäftigt. Acht Kinder hatte er aus seinen zwei Ehen: „Hier sind viele junge Leute groß geworden“, sagt Gisela Gerth. Von ihnen lebt außer ihr noch eine der jüngeren Schwestern (82) im Frankfurter Raum. Die 86-Jährige macht nicht viele Worte: „Ich bin ja bald weg“, sagt sie, und zeigt mit dem Finger himmelwärts, „zu den anderen hin“. Willi Stahlmecke will davon nichts wissen: „Frauleute halten das viel besser aus“, weist er seine Mieterin scherzhaft zurecht. Im Gespräch stellt sich heraus, dass der Vermieter seinerseits mit seinen 86 Jahren sogar ein paar Monate älter ist als seine Mieterin. Die beiden frotzeln, „kötten“ sich gerne.

Seit 1990 alleine im Haus

Gisela Gerth ist unverheiratet geblieben, sie half der Mutter im Haushalt – wie das früher halt so war. Die Kindheit sei gut verlaufen, es habe immer ein „gutes Miteinander gegeben“, sie erinnert sich an schöne Weihnachten, „wo wir alle zusammen gesessen sind“. Bis zum Ruhestand arbeitete sie als Packerin bei Severin, zuletzt in Wallen. Seit dem Tod ihrer Mutter 1990 lebt sie alleine in dem Haus.

Willi Stahlmecke wohnt in der Nachbarschaft und kümmert sich um ein paar Sachen an seinem Haus, stellt die Mülltonnen heraus – und kümmert sich gleich um die Mieterin mit. Von seinem Nachbarn wiederum, dem Arzt, bringt er Gisela Gerth zum Beispiel der Einfachheit halber auch immer ihre Tabletten mit – so etwas funktioniert nur auf dem Lande: „Man hilft sich eben, wo man kann.“ Da werden nicht viele Worte drum gemacht. Als Vermieter ist er froh, die Gerths gefunden zu haben: „Das sind die perfekten Mieter. Gerade in einem Altbau, noch dazu in so einem alten Gebäude, muss das einfach passen. Junge Leute haben ganz andere Ansprüche.“