Meschede war schon immer ein Spätstarter

An der Ruhr kann man nicht nur gut Radfahren sondern auch gemütlich Fliegenfischen.
An der Ruhr kann man nicht nur gut Radfahren sondern auch gemütlich Fliegenfischen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bei der Stadtführung „Meschede verführerisch“ erfahren Teilnehmer unter anderem, warum der Kirchturm der St.-Walburga-Kirche schief steht.

Meschede.. „Wenn wir früher hier gestanden hätten, wären wir innerhalb weniger Minuten platt gefahren worden“, sagt Thomas Kramer in die Runde. Einige nicken, andere schauen verwundert auf den Platz an der St.-Walburga-Kirche, wo sich Stiftsplatz und Ruhrstraße treffen. Früher traf hier die B55 auf die B7 – eine Kreuzung, an der „die Hölle los war.“ Der Umbau der Mescheder Innenstadt ist aber nur eine Facette der Mescheder Geschichte, in die der ehrenamtliche Stadtführer auf seiner Tour „Meschede verführerisch“ Einblicke gewährt.

Erwähnt wurde Meschede 959 erstmalig. Die alte Stadt bestand vornehmlich aus Dörfern an der Ruhr. „Der Bahnübergang stellte von je her eine imaginäre Grenze dar“, erklärt Thomas Kramer. Erst das im Ersten Weltkrieg entstandene Kriegsgefangenenlager verlagerte das Geschehen auch hinter die Bahnlinie. Dort lebten 25 000 Menschen. „Das war praktisch eine eigene Stadt. Nach Auflösung des Lagers wuchs Meschede nach Norden.“

Eine Fuhrt über die Ruhr gab es schon sehr früh

Die neuere Geschichte ist den meisten Teilnehmern bekannt. Einige kommen aus Meschede, sind zugezogen oder kommen aus angrenzenden Ortschaften. Dass der Weg über die Ruhr schon so alt ist, wussten sie nicht. Seit 1663 gibt es eine Brücke über die Ruhr. „Aber weit davor gab es eine Furt.“ Seit 2014 hat die Ruhrbrücke ihr aktuelles Aussehen. Die Statue des Heiligen St. Nepomuk aus dem Jahr 1751 steht aber schon lange nicht mehr auf der Brücke.

„Durch diese enge Gasse floß früher die Henne“, sagt Thomas Kramer und zeigt die Alte Henne hinauf. „Regelmäßig war die Stadt durch Henne und Ruhr überflutet.“ Deshalb wurden beide Flüsse nach dem Krieg vertieft und teilweise verlegt. Der neue Lauf der Henne wurde in den 60er-Jahren mit Betonplatten verschlossen. „Die Mescheder nannten diesen Parkplatz Gummibahnhof.“ Eine Teilnehmerin meint wehmütig: „Da wusste man wenigstens immer, wohin mit dem Auto.“

Die Firma Hoff fertigte Marmelade und Liköre aus heimischen Beeren

Es folgen weitere kleine und große Stationen: das Blindenmodell von Meschede, der Ruhrradweg, die Firma Honsel und die alte Ruhrmühle am Mühlengraben. Dass sich hier früher einmal die Beerenfabrik Hoff befunden hat, ist für alle neu. Marmelade und Liköre aus heimischen Beeren wurden dort gefertigt. Gegenüber stand eine Villa, dahinter ein wunderschöner Park. „Leider wurde alles für die neue Straßenführung abgerissen.“ Das aktuelle Baustellenschild zeigt, dass dort seniorengerechte Wohnungen entstehen sollen.

1899 war Meschede ein aufstrebendes Städtchen mit 18 Straßen, in der es aber noch keine Straßenschilder gab. In der Kampstraße findet sich eins der ältesten. „Meschede war ein Spätstarter, in jeder Hinsicht“, sagt Thomas Kramer lachend. Auf dem Weg von der alten Synagoge über Schützen- und Zeughausstraße, Christuskirche und dem „ehemaligen Backofen“ der Bäckerei Schröjahr überquert die Gruppe auch Stolpersteine. Unter anderem den von Caroline Ikenberg: „Die Frau war über 79 und wollte nicht fliehen“, weiß Thomas Kramer. „Sie war der Meinung, dass einer so alten Frau nichts mehr geschehen könne.“ Doch die Nazis unterschieden nicht ob jung oder alt – Caroline Ikenberg wurde im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Schiefer Kirchturm sollte Gläubige schützen

Der Rundgang endet an der St.-Walburga-Kirche. Hier rückt der Stadführer den schiefen Kirchturm in den Fokus. „Einem Gerücht zufolge sollen im Mittelalter die Türme immer vom Kirchenschiff weggebaut worden sein, damit – falls er umstürzt – er nicht auf die Gläubigen fällt.“ Auch zum Kircheninneren weiß Kramer spannende Details. Er hebt eine Klappe hoch, darunter befinden sich Tongefäße. „Diese Bauweise ist einzigartig. Die Krüge sind im Boden und in den Mauern eingeputzt, um die Akustik zu verbessern.“ Diese Technik stamme von den Römern.

„Äußerst spannend“, resümiert Franz-Josef Joch nach dem Rundgang. Der Landwirt aus Wiemeringhausen ist zum ersten Mal in Meschede. „Ich bin neugierig und möchte die nähere Umgebung kennenlernen. Da ist so eine Stadtführung genau richtig.“

Stadtführungen in Meschede

Die Stadtführungen werden vom Hennesee-Tourismus angeboten.

Es gibt allgemeine Führungen und welche zu speziellen Themen: „Altbekanntes neu entdecken“, „Auf den Spuren von Emhildis“, „Unsichtbares wieder sichtbar machen...“ oder für Kinder „Ich sehe was, was du nicht siehst“

Die Führungen (auch auf französisch, englisch oder niederländisch) dauern je rund 90 Minuten und kosten für Erwachsene 4,50 Euro, für Gruppen ab 12 Personen 50 Euro.

Die Termine gibt es unter www.hennesee-tourismus.eu.