Mahnung zum Frieden

Clemens Rothaut , Küster der St. Walburga-Kirche Meschede, läutet am Jahrestag der Bombardierung Meschedes am 19. Februar 1945, acht Minuten lang die Glocke.
Clemens Rothaut , Küster der St. Walburga-Kirche Meschede, läutet am Jahrestag der Bombardierung Meschedes am 19. Februar 1945, acht Minuten lang die Glocke.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren wurde Meschede beim Bombenangriff zerstört. Zum Gedenken und als Mahnung läuteten acht Minuten lang die Glocken der St.-Walburga-Kirche.

Meschede..  Ein Hämmerchen schlägt die volle Stunde. 14 Uhr. Clemens Rothaut legt den Schalter um, die tonnenschwere Glocke fängt an zu schwingen. Nach Sekunden ertönt der erste gewaltige Glockenschlag, der die Turmstube zum Erzittern bringt.

Acht Minuten dauert das Klanggewitter, jeder Schlag dringt bis in die Knochen, schmerzt in den Ohren. Über allem liegt das helle Singen der bronzenen Kolosse. Was aus der Ferne beschaulich klingt, ist aus unmittelbarer Nähe ein donnerndes Erlebnis. Rothaut, der Küster der Pfarrkirche St. Walburga, hält sich nicht die Ohren zu.

Eine gute Metapher, die die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Meschedes gewählt haben, um an die Bombardierung der Stadt im Frühjahr 1945 zu erinnern. Wie es sich anfühlt, wenn eine ganze Stadt von Einschlägen und Detonationen erschüttert wird, kann nur erahnen, wer es nicht selbst erlebt hat. Obwohl jeder Glockenschlag eine Explosion, den minutenlangen Bombenhagel symbolisieren könnte, das Ausklingen der tonnenschweren Bronze das Pfeifen der fallenden Sprengkörper, mahnen sie doch an Frieden. Früher läuteten Glocken Sturm, heute rufen sie nur noch zum Gebet.

Anhand der Inschriften identifiziert

Im Februar 1945 schwiegen die Glocken, dafür heulten Sirenen. Die Nazis hatten sie konfisziert, um daraus Waffen zu schmieden. „Das haben Glocken leider so an sich“, sagt Clemens Rothaut, „immer wenn es Krieg gibt, werden sie zu Kanonen.“ Aus Südosten griffen alliierte Bomberstaffeln die Stadt an, warfen 200 Spreng- und 20 000 Brandbomben und verwüsteten die Stadt. Im Flammenmeer der Innenstadt wurden auch Kirchenschiff und -turm schwer beschädigt. Die Säulen stehen heute noch leicht schräg. Der damalige Pastor Kunze brachte die Flammenmadonna in den Turm, in Sicherheit. Aber dort ging sie in Flammen auf.

Nach dem Krieg tauchten die Bruchstücke der zerschlagenen Glocken wieder auf, man identifizierte sie anhand der Inschriften. Aus dem Material der alten wurden in Brilon neue Glocken gegossen.

Dreimal noch wird Clemens Rothaut die gut 50 Stufen zur Glockenkammer hochsteigen. Am Samstag, 28. Februar, läutet die Glocke zur Erinnerung für zwölf Minuten; am Montag, 23. März, für zehn Minuten.