Loslassen und glücklich werden

Kennen Sie noch das Märchen von Hans im Glück? Hans ist glücklich, als er einen Goldklumpen für seine Arbeit bekommt. Doch auf dem Heimweg tauscht er dann das Gold gegen ein Pferd, später gegen eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, zuletzt gegen einen Stein. Kurze Zeit glücklich, dass er etwas Neues bekommt, greift er dann doch bald wieder zu, als ihm Neues, vermeintlich Besseres angeboten wird. Das (noch gar nicht so) Alte wird ihm schnell zur Last. Neues muss her. Erst als dem Hans schließlich der Stein ins Wasser fällt und alles weg ist, da fühlt er sich richtig glücklich, im wahrsten Sinn erleichtert.


Als Kind dachte ich immer: „Der Hans ist ja wirklich bescheuert, dass er immer wieder so blöde tauscht und jedes Mal schlechter dasteht, am Ende ohne alles.“ Aber jetzt glaube ich, dass wir eine Menge von ihm lernen können. Schließlich ist Hans am Ende ja wirklich glücklich, erleichtert und frei. Am Anfang meint Hans noch, dass Glück Reichtum (wahlweise Kraft, Genuss, Erfolg) bedeutet. Erst mit der Zeit lernt er, dass er umso glücklicher ist, je mehr er loslässt.


Vielleicht ist das ja auch ein Beitrag zum Motto des aktuellen Evangelischen Kirchentages: „Damit wir klug werden.“ So blöd war der Hans wohl gar nicht. Wie sieht es denn bei mir aus? Kann ich auch nur halbwegs innere Ruhe und Zufriedenheit finden oder nenne ich es Glück, wenn ich ständig diesem Glück hinterher jage? Gibt es nicht sogar so etwas wie Kaufsucht? Macht mich mehr und/oder vermeintlich Besseres glücklicher? Loslassen und Verzichten: gar nicht so einfach. Und Vergangenem nicht hinterher zu trauern auch. Daran muss ich wirklich noch arbeiten. Ich werde es heute wieder probieren. Ich gebe, was mich beschwert, in Gottes Hand. Er trägt es gerne für mich.
Dietmar Schorstein, Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Meschede