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Borderliner und Suchterkrankte

Lernen, mit der Krankheit gut zu leben

24.10.2012 | 09:00 Uhr
Lernen, mit der Krankheit gut zu leben
Julian Flötotto und Sarah Ruth Schneider-Flötotto haben in Schmallenberg eine Selbsthilfegruppe für borderline- und suchterkrankte Menschen eingerichtet.Foto: Laura Mock

Schmallenberg. Julian Flötotto und seine Frau Sarah Ruth Schneider-Flötotto wissen, wovon sie sprechen – und sie sprechen ganz offen darüber. Julian Flötotto hat 13 Jahre Therapie hinter sich. Er hat das Borderline-Syndrom. Sarah Ruth Schneider-Flötotto war zehn Jahre lang in Therapie, weil sie borderline- und suchterkrankt ist. Im April dieses Jahres hat das Ehepaar, das in Schmallenberg lebt, die Selbsthilfegruppe „Grenzenlos“ für borderline- und suchterkrankte Menschen ins Leben gerufen.

Sie gehen offen mit dem Thema um? Bedeutet das, dass Sie wieder ganz gesund sind?

Sarah Ruth Schneider-Flötotto: Nein, wir müssen ein Leben lang mit unseren Erkrankungen leben. Aber wir haben gelernt, gut damit umzugehen.

Frage: Was hat Sie dazu motiviert, eine Gruppe zu gründen?

Es gibt so viele Selbsthilfe-Gruppen in Schmallenberg, aber keine für Borderliner und Suchterkrankte. Die nächste ist in Warstein. Das wollten wir ändern. Wir haben uns außerdem selbst in einer solchen Gruppe kennen- und lieben gelernt – die Gruppe ist für uns eine Herzensangelegenheit.



Julian Flötotto: Aufgrund unserer Vergangenheit wissen wir auch, wie wichtig der Erfahrungs- und Informationsaustausch ist. Selbsthilfe spielt eine wichtige Rolle, um mit der Erkrankung den Alltag und das Leben zu meistern.

Warum die Kombination Borderline und Sucht?

Weil das Borderline-Syndrom und Süchte häufig in Kombination auftreten.

Man verbindet das Borderline-Syndrom mit Menschen, die sich selbst verletzen. Narben von Schnitten an den Armen sind ein bekanntes Bild.

Ja, das stimmt. Aber nicht alle Borderliner verletzen sich selbst, das ist nur ein Kanal, um seine Emotionen auszudrücken und teilweise Aufmerksamkeit zu erregen. Die Borderline-Erkrankung ist eine Persönlichkeitsstörung, die unter anderem durch emotionale Instabilität und Impulsivität in zwischenmenschlichen Beziehungen, Stimmung und Selbstbild gekennzeichnet ist. Neben selbstschädigendem Verhalten sind auch unangemessene Wutausbrüche, ein instabiles Selbstwertgefühl oder eine chronische innere Leere Kennzeichen dieser Krankheit.

Und um welche Süchte geht es in der Selbsthilfegruppe?

Angesprochen sind alle Suchterkrankten, egal ob sie zum Beispiel magersüchtig sind, unter einer Spielsucht leiden oder eine stoffgebundene Abhängigkeit wie Alkohol- oder Drogensucht haben. Auch wenn sich die Süchte unterscheiden, sind Ursachen doch oft ähnlich. Therapieerfahrung ist keine Voraussetzung für die Gruppe. Bei der Suche nach geeigneten Kliniken helfen wir aber gern weiter.

Wie kann man sich ein Treffen in der Gruppe vorstellen. Geht es da immer ernst zu?

Sarah Ruth Schneider-Flötotto: Nein, aber die Treffen stehen immer unter einem Thema. Eines davon sind zum Beispiel Übungen, die mein Mann und ich aus der Therapie kennen, um sich in Stresssituationen zu entspannen. Es bleibt aber auch immer Raum für die Wünsche und Themen der übrigen Teilnehmer. Bei Bedarf führen wir außerdem auch Gespräche mit Angehörigen.

Seit sechs Monaten trifft sich die Gruppe. Wie ist die Resonanz?

Julian Flötotto: Wir sind bei den Treffen mittlerweile zehn Teilnehmer – mal fehlt jemand, mal kommt jemand neu dazu. Damit sind wir schon ganz zufrieden. Der Gründung ging eine lange Planungsphase voraus – bis wir uns getraut haben. Wir hatten schon Sorge, ob das Angebot angenommen wird.

Ist es schwierig, eine solche Gruppe im ländlichen Raum einzurichten, da die Anonymität fehlt?

Sarah Ruth Schneider-Flötotto: Ja, das auf jeden Fall. Ich bin zwar gebürtige Fleckenbergerin und für mich ist es kein Problem, offen mit meiner Krankheit umzugehen, aber vielen ergeht es da anders. Noch aus unserer Therapiezeit kennen wir Schmallenberger, die nie zu unseren Treffen kommen würden. Sie haben Angst, erkannt zu werden oder auf der Straße von anderen Betroffenen aus der Gruppe angesprochen zu werden.

Hintergrund:

- Die Selbsthilfegruppe „Grenzenlos“ für borderline- und suchterkrankte Menschen trifft sich jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat von 17.30 bis 19 Uhr.

- Die Diakonie hat der Gruppe einen Raum in der Weststraße 50 zur Verfügung gestellt.

- Die Gruppe wird nicht von Therapeuten geleitet, sie ist auf Eigeninitiative von Betroffenen entstanden. Die Teilnahme an der Gruppe ist kostenfrei.

- Eine zweite, nicht öffentliche Gruppe leitet das Ehepaar für das Sozialwerk St. Georg.

- Kontakt: Sarah Ruth Schneider-Flötotto Tel. 0160/90309379, Julian Flötotto Tel. 0171/9048761, Festnetz: 02972/962 962 6, Mail: j.floetotto@gmx.net

Von Laura Mock


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