Lehrstellen gibt es in Südwestfalen auch für Hauptschüler

Von wegen keine Chance: Suada Haliti (von rechts) und Alex Rapp haben längst eine Lehrstelle gefunden. lehrer Jan Martin freut das.
Von wegen keine Chance: Suada Haliti (von rechts) und Alex Rapp haben längst eine Lehrstelle gefunden. lehrer Jan Martin freut das.
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
Zwei Drittel aller Ausbildungsplätze bleiben Hauptschülern verwehrt, behauptet der DGB. In Südwestfalen sieht das allerdings ganz anders aus.

Meschede.. Zehn Bewerbungen hat Suada Haliti geschrieben, zwei Lehrstellen hat man ihr angeboten. Sie musste sich also entscheiden: Ausbildung im Altenheim oder im Hotel? Eine Wahl, die sie eigentlich gar nicht treffen dürfte. Jedenfalls nicht, wenn man auf die Zahlen schaut, die der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB in der vergangenen Woche vorgelegt hat. Freie Lehrstellen gibt es viele – aber nicht für Hauptschüler, so die Kernaussage der Untersuchung.

Schon gar nicht im Hotel- und Gaststättengewerbe. 60 Prozent der Ausbildungsplätze bei den Hotelfachkräften sowie mehr als 40 Prozent bei den Restaurantfachkräften bleiben jungen Menschen mit Hauptschulabschluss von vornherein verschlossen, heißt es.

Zwei Bewerbungen, eine Zusage

Auch im gewerblich-technischen Bereich würden diese jungen Leute ausgegrenzt. Fast jeder zweite angehende Zerspanungsmechaniker soll den Ausschreibungstexten zufolge kein Hauptschüler sein. Alex Rapp hat dennoch eine Lehrstelle in seinem Wunschberuf gefunden – nachdem er zwei Bewerbungen geschrieben hatte.

Frust? Den verspüren die beiden 17-Jährigen wenige Tage vor den Abschlussprüfungen und wenige Wochen vor dem Schulende ganz offenbar nicht. Ebenso wenig wie ihre Mitschüler. Von 20 Jugendlichen in der Klasse 10 A, die an der Konrad-Adenauer-Schule in Meschede-Freienohl den „klassischen“ Hauptschulabschluss anstreben, haben 16 bereits einen Ausbildungsplatz. Zwei wollen weiter zur Schule gehen. Noch unversorgt sind nur zwei Schüler.

[kein Linktext vorhanden] „Hauptschüler haben entscheidende Vorzüge“, sagt Verena Dahlhoff, die nicht nur Lehrerin an der Schule ist, sondern auch Unternehmerfrau. Seit 50 Jahren besteht der Familienbetrieb und bildet überwiegend Jugendliche mit dem klassischen Hauptschulabschluss Typ A aus.

Diese Absolventen sind in Südwestfalens Unternehmen zum einen deshalb gern gesehen, „weil sie etwas tun wollen, am Ende des Tages ein Ergebnis ihrer Arbeit sehen möchten“, erzählt Verena Dahlhoff. Und zum anderen „weil man mit ihnen langfristig planen kann“. Geduld und Geld in ihre Ausbildung zu investieren, zahle sich aus. Lehrlinge mit Abitur hingegen packten nach der Prüfung meist ihre Sachen, um zu studieren. „Wer die Hauptschüler schlecht redet, der verschärft nur den Fachkräftemangel in der Region“, ärgert sich Verena Dahlhoff.

Hohe Sozialkompetenz

Zum dritten schätzten Arbeitgeber die Hauptschüler, weil sie sich in ihren Gemeinden im Sauerland ehrenamtlich engagierten, sozial eingebunden seien. In den Betrieben wisse man: „Mit ihnen kann man gut zusammenarbeiten; sie haben Sozialkompetenz“, so die Lehrerin. „Den Ausbildern ist egal, ob ein Jugendlicher einen Hauptschulabschluss hat oder Abitur“, glaubt auch Schulleiter Detlev Pecko, „wenn das Verhalten am Arbeitsplatz stimmt.“

Ausbildung Und das richtige Verhalten üben und beweisen seine Schüler schon frühzeitig: in Klasse 6 mit einem Begeisterungsprojekt. Bei Martinrea Honsel in Meschede fertigen sie ein Gussstück an. „Ein erstes Erfolgserlebnis“, so Pecko. In Klasse 7 dann das Verantwortungsprojekt. Schüler lesen zum Beispiel in Kindergärten vor. In Klasse 8 die ersten Schnuppertage in den Betrieben sowie ein Berufsorientierungscamp. In Klasse 9 das erste zweiwöchige Praktikum, in Klasse 10 das zweite. Dann noch ein Langzeitpraktikum: einen Tag in der Woche gehen die Jugendlichen über Monate hinweg in einen Betrieb.

So ist auch Alex Rapp zu seinem Vertrag gekommen. „Das Langzeitpraktikum ist unsere Waffe“, sagt Alexander Schütz lächelnd. Er ist einer von zwei Berufseinstiegsbegleitern an der Schule, die die Kinder ab der 9. Klasse betreuen, ihnen helfen, ein realistisches Berufsziel zu finden, Bewerbungen zu schreiben. Sie begleiten sie noch in den ersten sechs Monaten ihrer Lehre.

Auch Suada Haliti. Entschieden hat sich die junge Frau im Übrigen gegen das Hotel und für die Ausbildung im Altenheim, weil sie dort näher an den Menschen ist.