Koch-Azubis klagen über Missstände

Meschede..  Seit einem Jahr keinen einzigen Sonntag frei, „außer im Urlaub“, ein Chef, der einen fast mit der Lampe umgehauen hätte, niemals Schalen und Krustentiere gesehen oder einen Fisch filetiert und ein deutlich überhöhtes Kostgeld, das vom schmalen Lohn abgezogen wird: Kein Wunder, dass Koch-Azubis nur schwer zu finden sind. Deutschlandweit brennt es in der Gastronomie-Küche. Auch das Sauerland ist keine Insel der Seligen. Nachdem sich zuletzt ein Kenner der Szene anonym an unsere Zeitung gewandt hatte, packen jetzt die Azubis aus. Sie wünschen sich vor allem, dass der existierende Ausbildungsrahmenplan von der IHK auch kontrolliert wird. „Und dass wir überhaupt einen betriebseigenen Ausbildungsrahmenplan bekommen.“ Die IHK allerdings war auf Nachfrage zu keiner Stellungnahme bereit.

„Keine Namen, keine Betriebe!“ - das ist die Bedingung der Kochazubis für ein Interview. Zehn junge Leute sitzen in der Redaktion. Sie alle besuchen das Berufskolleg in Meschede. Zwei wissen schon, dass sie nach der Prüfung auf keinen Fall weiter als Koch arbeiten wollen. Drei weitere werden ihren Betrieb verlassen und in die Welt gehen, denn Köche werden überall gesucht. Nicht alle sind unzufrieden mit Chef und Ausbildung – die meisten sagen, „Koch ist ein toller, überall gefragter und kreativer Job, aber die Bedingungen mit der Arbeit am Wochenende und am Abend sind schwierig.“ Und einige haben auch richtig schlechte Erfahrungen gemacht, zwei mussten den Betrieb wechseln, weil die Ausbildung nicht gewährleistet war. Ihr Rat: „Man sollte sich auf jeden Fall den Betrieb ganz genau ansehen und auch ein paar Tage zur Probe arbeiten.“

Ausbildung

Ein ganzes Stück Rehwild, eine Dorade oder gar ein Hummer – einige haben diese Spezialitäten noch nie bearbeitet. „Es wird viel auf Gefrorenes zurückgegriffen.“ Und ein junger Mann arbeitete ein ganzes Jahr im Frühdienst: „Rührei, Frikadellen, Spiegelei und Speck, beherrsche ich perfekt“, sagt er sarkastisch. Manch einer hat schon allein in der Küche gestanden – und das, was im Berichtsheft eingetragen werde, stimme in keinem Betrieb mit der Realität überein, sagen alle übereinstimmend.

Prüfungen

Der schlechte Ausbildungsstand zeigt sich oft auch in den Prüfungen. In Hamburg beispielsweise haben zuletzt von 43 Azubis nur 28 bestanden: 35 Prozent Durchfallquote. In Meschede liegt die Quote deutlich niedriger – unter fünf Prozent eines Jahrgangs schaffen die Ausbildung hier nicht. Hauptsächlich ein Verdienst der Berufsschule, meinen die Schüler.

Vergütung

810 Euro brutto verdient ein Azubi im dritten Lehrjahr, etwa 650 bekommt er netto heraus. Dafür muss er im Hochsauerlandkreis in der Regel ein Auto finanzieren, um zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen oder wohnt im Betrieb und gibt Kostgeld ab: 200 Euro war da der Höchstbetrag, der selbst im Urlaub abgezogen wurde. „Es gibt Betriebe, die sich daran bereichern.“ Ein junger Mann erhält jetzt schon deutlich mehr Geld als die anderen, denn sein Chef vergütet ihm den Freizeitausgleich für seine Sonntagsdienste. „Ich hatte bisher keinen Sonntag frei.“ Erlaubt ist das laut Arbeitsschutzgesetz nicht.

Arbeitszeit

Von 10 bis 14 Uhr und von 17 bis 22 Uhr - das sind die reellen Arbeitszeiten. „Der Tag ist kaputt“, sagen die jungen Leute. „Wenn ich arbeite, haben meine Freunde frei.“ Zwei freie Tage in der Woche sollten es eigentlich sein. „Hier mal einen Tag, da mal einen halben, das ist die Regel.“

Überstunden

Ein Zeitkonto, auf dem Überstunden gutgeschrieben werden, hat keiner der zehn jungen Leute. „Wenn jemand ausfällt, müssen die einspringen, die gerade da sind.“ Bis zu 30 Überstunden pro Monat schieben sie vor sich her – ohne Vergütung.