Kitz-Retter von Eversberg

Mit ihren „Rehscheuchen“: Die Grundschüler mit Lehrerin Nicole Wolf, Jäger Heinrich Sprenger und der Mutter Lydia Böhm, die die Aktion tatkräftig unterstützte.
Mit ihren „Rehscheuchen“: Die Grundschüler mit Lehrerin Nicole Wolf, Jäger Heinrich Sprenger und der Mutter Lydia Böhm, die die Aktion tatkräftig unterstützte.
Foto: Jürgen Kortmann
Was wir bereits wissen
Sie sehen aus wie bunte Vogelscheuchen, sollen in diesem Fall aber Rehe erschrecken. Kinder der Grundschule Wehrstapel-Eversberg bauten sie, um in der Mähsaison Kitze zu retten.

Eversberg..  Nicole Wolf schmunzelt: „Die Väter mussten ganz viele Flaschen leer trinken.“ Denn die Lehrerin benötigte für ihre Aktion an der Grundschule Wehrstapel-Eversberg ganz viele Kronkorken. Denn mit Kronkorken kann man Krach machen. Und Krach ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Aktion „Kitz-Retter“ rings um Eversberg – für die das neue Wort „Rehscheuche“ erfunden werden muss.

Tatsächlich haben sich die Grundschul-Kinder aus der dritten und vierten Klasse ein wenig von Vogelscheuchen inspirieren lassen. Entstanden sind 25 große Gerüste, mit einem Kreuz als Grundform. Daran befestigt sind Dosen, CDs, Handschuhe, Joghurt-Deckel, Plastiktüten, Flatterbändern – und eben auch Dosen mit den besagten reichlich Kronkorken. Im Wind machen die „Rehscheuchen“ ordentlich Geräusche. „Dadurch sind die Ricken so beunruhigt, dass sie ihre Kitze wegbringen. Wir wollen ihnen ihr Quartier ungemütlich machen“, sagt Jäger Heinrich Sprenger.

Rehe mögen keine Unruhe

Denn im Moment, zwischen Mai und Juli, werden die Kitze geboren. Und die legt die Rehmutter gerne ins hohe Gras. Die Mutter bleibt nicht dabei, um keine Feinde zum Versteck zu führen. Sie kommt nur, um das Kitz zu säugen und zu putzen. Gleichzeitig beginnen gerade die Landwirte damit, Silage einzubringen. Neben natürlichen Räubern ist das Mähwerk der größte Feind des Kitzes. Denn bei Gefahr flüchten die Tiere nicht, sondern drücken sich dicht auf den Boden, bis ihr Feind abzieht. Das mag bei natürlichen Räubern gelingen, vom Landwirt dagegen werden sie häufig übersehen.

Die Eversberger Landwirte melden es den Jägern am Vorabend, bevor sie mähen. In der Vergangenheit hat Heinrich Sprenger auf den betroffenen Wiesen dann schon Stöcke mit blauen Säcken daran befestigt. Denn Rehe mögen keine Unruhe. Dann holen sie ihre Kitze aus den Verstecken und bringen sie anderswo hin – Sprenger baute die Stöcke am nächsten Morgen wieder ab und der Landwirt konnte gefahrlos mähen. Die Aktion muss immer so kurzfristig sein: Denn Rehe gewöhnen sich rasch an Fremdkörper, auf Dauer würden sich die Rehscheuchen abnutzen. Am Waldrand am Berg Gersthagen werden die ersten modernen „Rehscheuchen“ aufgestellt – mit Erfolg, denn noch während die Kinder sie gemeinsam mit Sprenger aufbauen, gehen prompt ein Reh und auch ein Hase „stiften“.

Prototypen vor Schule getestet

Nicole Wolf ist seit letztem Jahr selbst Jägerin. Sie will sich in der Hege engagieren. Für ihre Aktion nahm sie sich eine ähnliche von Bauern und Jägern aus dem bayerischen Landkreis Miltenberg als Vorbild (zu finden unter www.kids-for-kitz.de). Im April wurde an der Schule mit dem Bau der „Rehscheuchen“ begonnen. Kosten entstanden keine, alles ist ja Abfall, der verwendet werden kann. Die Prototypen wurden dann ausgerechnet vor der Kommunion vor der Schule aufgereiht, um zu testen, ob die Scheuchen ausreichend klimpern und wetterfest sind – das wurde missverstanden: „Die Leute fragten, was wir für einen ungewöhnlichen Kreuzweg aufgebaut hätten. Die haben sich schlapp gelacht, als sie hörten, was es in Wirklichkeit ist.“