„Ins Sauerland verliebt“

Hans Dieter Grabowski Schmallenberg beim Stadtgespräch mit WP-Redakteurin Kathrin Clemens.
Hans Dieter Grabowski Schmallenberg beim Stadtgespräch mit WP-Redakteurin Kathrin Clemens.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Im Stadtgespräch befragte Redakteurin Kathrin Clemens den Autor und Leiter des Schmallenberger Gesprächskreises Hans Dieter Grabowski.

Schmallenberg..  Vom Ruhrgebiet ins Sauerland hat es Hans Dieter Grabowski vor 14 Jahren verschlagen. Mittlerweile kann sich der 72-Jährige keinen besseren Wohnort mehr vorstellen – auch, weil er sich jeden Tag im Optimismus übt. Im Stadtgespräch erklärt, was ihm das Schreiben bedeutet und warum ihm seine Einstellung zum Tod das Leben leichter macht.

Was hat Sie vom Ruhrgebiet ins Sauerland gelockt?

Hans Dieter Grabowski: Die Liebe hat mich ins Sauerland geholt und als sie weg war, bin ich geblieben und habe mich ins Sauerland verliebt.

In was genau?

Ich genieße die Natur mit allen Sinnen – wobei ich die Menschen auch dazu zähle. Letztlich findet man immer das vor, was man auch mitbringt. Ich habe festgestellt, wie sich die Menschen einem öffnen, wenn erst einmal Vertrauen da ist. Angst geht immer zu Lasten der Kommunikation, die für mich ein Maßstab für Lebensqualität ist.

Fehlt Ihnen auch etwas?

Wenn man Wert auf die Kneipenkultur legt, ist man im Ruhrgebiet natürlich besser versorgt. Aber heutzutage haben Entfernungen ja weniger Bedeutung. Wenn mir danach ist, setze ich mich ins Auto und fahre für ein Wochenende nach Essen. Danach bin ich aber auch immer froh, wenn ich wieder zurückkomme.

Kennen Sie die Geschichte von der alten Indianerin und ihrer Enkelin?

Nein, wie geht sie?

Die alte Indianerin sagt: In meiner Brust leben zwei Wölfe. Der eine besteht aus Neid, Missgunst und Habgier, der andere besteht aus Liebe, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Sie kämpfen ständig miteinander. Als die Enkelin fragt, welcher gewinnt, sagt sie: Immer der, den ich gerade füttere. Und so ist es tatsächlich, es kommt im Leben immer darauf an, worauf wir unseren Fokus legen.

Worauf haben Sie Ihren Fokus gelegt?

Das war ein fließender Prozess, aber neigt sich immer mehr dem zweiten, positiven Wolf zu. Das hat damit zu tun, wie wir uns bewusstseinsmäßig weiterentwickeln. Als ich 30 war, habe ich über andere schonmal gedacht: Meine Güte, ist der bekloppt. Heute bemühe ich mich, alle Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Meiner Meinung nach geht es im Leben darum, vom Kämpfen zum Fließen zu gelangen. Wenn ich merke, dass ich Rückschritte mache, werde ich zu meinem eigenen Coach und dann funktioniert das wieder.

Schon seit mehreren Jahren leiten Sie den monatlichen Schmallenberger Gesprächskreis. Ist es eine feste Gruppe oder kommen immer wieder neue Teilnehmer dazu?

Beides. Es waren insgesamt rund 60 Leute, die bisher da waren. Manche kommen nur, wenn sie das Thema anspricht, aber es hat sich auch ein harter Kern aus etwa 15 Leuten gebildet. Es sind viele Zugezogene dabei, die auch aus dem Ruhrgebiet kommen – Buiterlinge, wie sie hier heißen. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 50 und 60, das hat sich so ergeben. Die Älteste ist eine 82-jährige ehemalige Lehrerin. Aber vom Handwerker bis zum Akademiker sind alle vertreten, das macht das Ganze so interessant.

Wer legt die Themen fest?

Meistens schlage ich die Themen vor, es kommen aber auch Vorschläge aus der Gruppe. Zuletzt ging es zum Beispiel um ein sehr aktuelles Thema: die Homo-Ehe.

An welche Gesprächsrunde können Sie sich noch erinnern, aus der Sie selbst etwas gezogen haben, womit Sie vorher nicht gerechnet haben?

Das ist eine gute Frage. (überlegt) Ja, eine Erkenntnis habe ich tatsächlich mal aus einem Thema gewonnen. Da ging es um Sterbehilfe. Ich habe mein eigenes Konzept überdacht und festgestellt, dass es tatsächlich Situationen gibt, in denen man Sterbehilfe leisten kann und sich trotzdem noch innerhalb der christlichen Wertmaßstäbe bewegen kann. Ansonsten bin ich schon jemand, der Gedankengängen nachgeht und sich fragt, was da dran sein kann.

Neben dem Gesprächskreis widmen Sie Ihre Zeit gerne dem Schreiben, gerade ist ein neues Buch erschienen. Wovon handelt es?

In meinem neuen Buch geht es um eine Liebesgeschichte, die vor dem Hintergrund der Kubakrise spielt. Es ist kein Roman, sondern tatsächliches Geschehen, ich erzähle darin eigene Erlebnisse nach.

Das heißt, Sie nutzen das Schreiben als Art der Selbstreflexion?

Ja, schon. Es sind immer Themen und Geschichten, in denen ich Wurzeln habe. Ich habe mich zum Beispiel sehr mit Religion beschäftigt und mir liegt es am Herzen, den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen.

Wie können Sie wissen, dass man davor keine Angst haben muss?

Meine Erkenntnis ist, dass es keinen Tod gibt, sondern nur tote Körper. Die Seele kommt, um hier auf Erden ihren Job zu machen und lebt auch danach weiter. Diese Einstellung hat mir sehr geholfen, als mein Sohn mit 42 Jahren an Krebs gestorben ist. Wenn ich weiß, dass das Leben danach weitergeht, muss ich nicht trauern. Letztlich trauern wir ohnehin um unseren eigenen Verlust, nicht um die Person an sich. Da kommen wir dann schnell zum Sinn des Lebens.

Und der besteht worin?

Für mich kommt es nicht darauf an, 20 Mal auf Mallorca gewesen zu sein oder schnelle Autos zu fahren, sondern darauf, gedanklich zu reifen und Erkenntnisse zu gewinnen.

Wie kann man seine Lebenserfahrung weitergeben, damit auch andere davon profitieren?

Weitergeben kann man sie, indem man Wegweiser für andere ist. Jemandem, der sucht und Fragen stellt, kann man Antworten vorschlagen. Aber immer mit dem Tenor: Finde heraus, ob es stimmt. Vieles wird man letztlich erst erfahren, wenn meine Uhr hier abgelaufen ist.

Das klingt so negativ, bleiben wir doch lieber bei der Lebenslust. Wie muss ein Tag aussehen, damit Sie abends zufrieden darauf zurückblicken?

Seit langer Zeit gibt es für mich nur noch gute und besonders gute Tage. Die besonders guten Tage sind die, an denen ich neue Leute kennenlerne oder Bekannte treffe. Ich versuche jeden Tag bewusst zu erleben und nicht über das Wetter zu fluchen, weil es regnet, sondern die Zeit dann eben anders zu verbringen, zum Beispiel mit Lesen.