In der Schuldenfalle

Auswege aus der Schuldenfalle versuchen die Schuldenberater gemeinsam mit den Betroffenen zu finden
Auswege aus der Schuldenfalle versuchen die Schuldenberater gemeinsam mit den Betroffenen zu finden
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Hohen Leidensdruck empfinden die Menschen, die eine Schuldenberatung in Anspruch nehmen. Überschuldung belastet Menschen extrem, berichtet Beraterin Simone Einhäuser von der Diakonie.

Meschede.. Die Mehrheit der Deutschen findet es normal, Schulden zu haben. Insbesondere die jüngere Generation verschuldet sich ohne schlechtes Gewissen. So steht es jedenfalls in der kürzlich veröffentlichte „KRUK Schuldenwelten-Studie 2015 – Emotionen und Meinungen zu Schulden in Deutschland”. Aus der Sicht von Schuldenberaterin Simone Einhäuser von der Diakonie Ruhr-Hellweg in Meschede sieht das Bild aber ganz anders aus. Sie arbeitet nah am Menschen und weg von den Zahlen.

Empfinden die Menschen Schulden mittlerweile wirklich als normal?

Simone Einhäuser: Das kann ich so nicht bestätigen - was aber daran liegt, dass zu unserer Beratung Menschen kommen, die mit ihren Schulden Probleme haben, die einen hohen Leidensdruck empfinden und gezielt Beratung suchen. Grundsätzlich müssen wir die Schuldenarten differenziert beachten. Es gibt durchaus Schulden, die als normal gelten und - solange sie bedient werden können - auch nicht als übermäßige Belastung empfunden werden.

Welche wären das zum Beispiel?

Schulden zur Wohneigentumsfinanzierung oder Selbstständigkeit zum Beispiel. Diese werden nicht als belastend angesehen, da sie langfristig vermögensbildend sind. Auch für Neuwagen wird häufig ein Kredit aufgenommen. Wenn dann aber Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eine Scheidung unerwartet die Rückzahlung der Raten unmöglich macht, löst das - selbstverständlich - auch negative Gefühle bei „normalen“ Schulden aus.

Wie erklären Sie sich dann das Ergebnis der Studie?

Ich vermute, dass es sich um eine hintergründige Art von Resignation handelt. Viele Menschen haben schon so viele negative Erfahrungen mit Regulierungsversuchen bei Überschuldung gemacht, dass sie resignieren. Nach außen sieht es dann so aus, als wäre es ihnen gleichgültig. Ich erlebe es fast ausschließlich so, dass Überschuldungssituationen Menschen extrem belasten, dass sie davon krank und depressiv werden, sogar Ehen daran zerbrechen.

Aber etwas scheint sich doch in den letzten Jahren im Umgang mit Schulden geändert zu haben?

Auf jeden Fall. Das Thema Schulden zu haben ist in den letzten Jahren enttabuisiert worden. Durch mediale Berichterstattung, wie zum Beispiel die TV-Produktionen, deren reißerische Aufmachung meiner Meinung nach ganz furchtbar ist, ist es normaler geworden, über Schulden zu sprechen. Die Leute reden offener darüber. Ich bin seit 20 Jahren in der Schuldnerberatung tätig und habe diesen Trend beobachten können. Es fällt Leuten heute leichter, Beratung in Anspruch zu nehmen. Doch eine Gleichgültigkeit Schulden gegenüber wäre mir neu. Verändert haben sich auch zum Teil die Arten der Schulden.

Womit verschuldet man sich heute?

Sehr zugenommen haben Primärschulden - also die Schulden bei den Strom- und Gasanbietern. Das liegt daran, dass viele Familien heute an der Armutsgrenze leben. In den letzten Jahren sind die Energiekosten sehr gestiegen und auch wenn sie jetzt stagnieren, ist es doch für viele, insbesondere für Familien, die von Hartz IV leben, schwierig, diese Versorgung zu finanzieren. Außerdem gibt es natürlich immer mehr Schulden im Bereich Internet. Die Folgekosten vieler Dienstleistungen werden am Anfang nicht überblickt. Das ist auch in der Telekommunikation so. Viele Handytarife sind so unübersichtlich, dass unerfahrene Verbraucher die hohen Kosten nicht auf Anhieb einschätzen können.

Und dann häufen sich die Rechnungen in der Post.

Genau. Der schlimmste Gang ist der zum Briefkasten. Wenn man überschuldet ist, also seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, ist es ungemein wichtig, dass die Menschen das erkennen, dass sie losgehen und sich professionell beraten lassen. Viele versuchen über Jahre mühsam, ein finanzielles Loch nach dem anderen zu stopfen. Das ist ein sehr leidvoller Weg und die meisten haben schreckliche Angst vor dem Zugriff der Gläubiger. Angst ist aber ein sehr schlechter Ratgeber. Die Beratung hilft dabei, einen Überblick über die Schulden zu bekommen und kann etwaige Konsequenzen bei jedem Schritt aufzeigen. Oft kann es nur so gelingen, dass für alle Beteiligten auch eine erträgliche Lösung gefunden wird.