Hunderte Krisen nachts bewältigen
01.12.2011 | 17:21 Uhr 2011-12-01T17:21:00+0100
Grafschaft. Wer in der Nacht, während er schläft, mehrere hundert Mal eine „Krise bewältigen“ muss, kann am nächsten Tag nicht erholt sein. Gemeint ist damit die Krankheit Schlafapnoe, auch bekannt als Atemaussetzer im Schlaf.
Wer in der Nacht, während er schläft, mehrere hundert Mal eine „Krise bewältigen“ muss, kann am nächsten Tag nicht erholt sein. Gemeint ist damit die Krankheit Schlafapnoe, auch bekannt als Atemaussetzer im Schlaf. Dass etwa jeder zweite Schnarcher über 40 Jahre darunter leidet, hat unsere Zeitung erfahren, als sie die Tür zum Schlaflabor im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft öffnete.
Mit „Krise bewältigen“ meint Dr. Jens Kerl, Leiter des Schlaflabors, die physiologische Weckreaktion des Körpers, um ein Ersticken zu verhindern – um zu überleben. Diese lebensrettende Reaktion, die den kollabierten Atemtrakt wieder stabilisiert, bemerkt der Betroffene selbst nicht.
„Man muss nachts etwa zwei Minuten lang wach sein, um sich am nächsten Tag noch daran erinnern zu können“, erklärt Chefarzt Prof. Dr. Dieter Köhler. Was derjenige aber merkt, ist, dass er trotz ausreichend Schlaf total gerädert ist. Unangenehm ist es zum Beispiel, wenn jemand den Gesprächen bei Tisch nicht mehr folgen kann und sogar einschläft. Richtig gefährlich wird es aber, wenn jemand dabei ein Fahrzeug führt. Bus- oder Fernkraftfahrer wenden sich hilfesuchend an das Schlaflabor in Grafschaft – „heimlich, weil sie Angst um ihren Job haben“, erzählt Prof. Dr. Köhler.
Die Patienten im Schlaflabor Grafschaft kommen aus ganz Deutschland, überwiegend aber aus NRW. Rund 1000 Neuaufnahmen verzeichnet das Schlaflabor pro Jahr, das mit eines der ältesten in Deutschland ist. „1986 haben wir die Abteilung aufgebaut“, erinnert sich Prof. Dr. Köhler. „Das ging los, als Atempausen im Schlaf als Krankheit angesehen wurden.“ Atemaussetzer von bis zu drei Minuten, die in der Wachphase gar nicht möglich sind, können nachts bei Schlafapnoe-Patienten auftreten.
Geräte selbst gebaut
„Damals gab es aber noch keine Geräte. Die haben wir selbst gebaut“, erklärt der Chefarzt, der nicht nur Mediziner, sondern auch Diplom-Ingenieur ist. Die Standardtherapie heute erfolgt über die CPAP-Beatmung (Continuous Positive Airway Pressure) mit Hilfe eines Überdruckgerätes. Dabei wird der Atemweg mit etwa acht Millibar über eine Schlafmaske druckgeschient.
„So gut habe ich seit Jahren nicht geschlafen“, das hört Dr. Jens Kerl häufig. Wer ins Grafschafter Schlaflabor geht, bleibt in der Regel für eine Diagnostiknacht. Über Sensoren werden dann die Herzaktion, Puls, Blutdruck, die Atemfrequenz und die Augenbewegung gemessen. Die Auswertung zeigt, dass Schlafapnoe-Patienten weder richtig in die Tiefschlaf-, noch in die REM-Phasen (Traumphasen) kommen, weil sie zuvor durch die Atempausen und die kurzen Aufwachmomente gestört werden. „Die Schlafarchitektur bei diesen Menschen ist völlig zerstört“, so Dr. Kerl. Ein gesunder Mensch hingegen habe pro Nacht vier bis fünf Tiefschlafphasen. „Schon nach einer Nacht bei uns ist die Schlafarchitekur bei Schlafapnoe-Patienten fast wieder hergestellt.“
Lebensqualität
Im Anschluss an die Diagnostiknacht folgen in der Regel weitere zwei Therapienächte, nach denen der Patient mit dem Überdruckgerät auch zu Hause gut zurechtkommt. Dass der Schlafapnoe-Patient von diesem Punkt an immer mit der Schlafmaske schlafen muss, ist sicherlich gewöhnungsbedürftig – aber gesunder Schlaf bedeutet schließlich Lebensqualität. „Die neuen Geräte sind außerdem hoch entwickelt und mit etwa 23 Dezibel sehr leise“, erklärt Dr. Kerl. „Meistens hat man mit der Therapie sogar gleich zwei Menschen geholfen“, ergänzt er lachend mit Blick auf den Lebenspartner.
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