Hertie-Pleite spaltet Mescheder Einzelhändler
24.11.2009 | 15:53 Uhr 2009-11-24T15:53:00+0100
Meschede. Noch hängen die roten Hertie-Schriftzüge an den Betonwänden. Doch im Innern des Kaufhauses ist es so leer wie mittlerweile auch auf dem Winziger Platz. Am Montag vor 100 Tagen gingen bei Hertie die Lichter aus. Eine Zwischenbilanz.
Die Hertie-Eingänge sind verschlossen. Dafür öffnen sich die Türen vieler Mescheder Einzelhändler inzwischen deutlich häufiger als noch vor der Pleite. „Unser Umsatz ist in kurzer Zeit um 20 Prozent gestiegen", sagt Gerhard König, Inhaber des Spielzeuggeschäfts am Ruhrplatz. Zwar erfreulich, doch in Jubel bricht der Kaufmann deswegen nicht aus. „Wir kommen von einem sehr niedrigen Niveau. In den vergangenen Jahren hatte uns Hertie viele Kunden weggenommen."
Ohne Zweifel, Hertie sei der gebetsmühlenartig wiederholte „Mescheder Magnet" für die Kunden im Umkreis gewesen. „Allerdings hauptsächlich für Hertie selbst", kritisiert König. Schon Mitte der 90er-Jahre habe eine Studie gezeigt, dass die Einzelhändler längst nicht so stark von dem Kaufhaus - damals noch Karstadt - profitierten wie oft betont.
Es sind viele Geschäftsleute, die aufatmen, seit der Vollsortimenter Hertie geschlossen ist. Vor allem die Einzelhändler, deren Angebot sich mit dem des „Großen" überschnitten hatte, zählen deutlich mehr Kunden.
"Kunden orientieren sich um"
Dazu gehört auch Manfred Rautert, Inhaber von Lederwaren Rautert in der Steinstraße: „Die Kunden orientieren sich jetzt um, müssen Meschede neu entdecken." Dann wird Rautert grundsätzlich. Er ist überzeugt: „Ein Geschäft wie Karstadt hätte erst gar nicht hier entstehen dürfen. Es hat die Innenstadt leer gemacht."
Auch Peter Papenheim, Geschäftsführer von Elektro Pelster, hat schnell reagiert. Durch die Hertie-Pleite sei plötzlich eine Angebotslücke in Meschede entstanden. Großgeräte wie Fernseher habe Pelster zwar schon immer im Angebot gehabt. „Doch jetzt kommen immer mehr Kunden, die auch nach Kleinteilen und Zubehör suchen", erzählt er. Ein Markt, den Hertie in der Vergangenheit fast allein bedient hatte. Wenn die Nachfrage weiter so ansteige, brauche er sogar Verstärkung in seinem Verkaufsteam.
Veränderte Laufwege
Unmittelbar verändert haben sich mit der Schließung auch die Laufwege der Mescheder. Liefen früher hunderte Kunden über den Winziger Platz, wirkt er seitdem stundenweise wie ausgestorben. Das merken vor allem die Geschäftsleute in direkter Nachbarschaft. „Mir fehlt die Laufkundschaft", klagt Floristin Nikola Wamser. Sie hofft, die Umsatzeinbußen durch mehr Werbung abzufedern.
„Hier fehlt einfach ein Magnet, das merken wir sehr deutlich", sagt auch Paul Köster von Adams Tabakstube. Auf rund 20 Prozent schätzt er den Anteil der Laufkundschaft. „Ein Großteil davon ist einfach weggefallen", sagt er.
Die Veränderung der Kundenströme bestätigt auch Citymanager Andre Wiese. „Besonders deutlich war es bei den verkaufsoffenen Sonntagen seit der Schließung." Früher war der Winziger Platz einer der Hauptanlaufpunkte. Diesmal blieb es dort ruhig. „Wir haben gemerkt, dass es dafür in der Innenstadt deutlich voller geworden ist."
Nach 100 Tagen Hertie-Leerstand sind die Grenzen zwischen Verlierern und Gewinnern noch fließend. Sicher ist nur: „Die Stadt hat sich verändert - und wird es auch noch weiter tun", sagt Citymanager Andre Wiese.
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