Harry Potter steckt noch in der Warteschleife

Meschede..  „Harry Potter und der Orden des Phönix“ steht neben „Den Glauben verantworten“, es folgt „Der letzte Kaiser von Afrika“. Die Ordnung der Bibliothek der Abtei Königsmünster ist eine Kuriosität: Bibliothekar Pater Johannes Sauerwald sortiert nach Größe.

Meterhohe Regale im Keller

„Das spart Platz“, sagt Pater Johannes, denn davon hat er nicht viel. Aber viele Bücher, 55 000, und damit viel Arbeit. Vier meterhohe Regale reichen bis zur Decke und sind voll mit Büchern, von denen niemand weiß, dass sie da sind – denn sie sind noch nicht im Katalog verzeichnet. „Warteschleife“ nennt sie Pater Johannes, oder „Erfassungsstau“. Hier kann man vielleicht am besten nachvollziehen, was die Aufgabe des Abteibibliothekars ist. Pater Johannes sieht sie durch, katalogisiert, ordnet ein. Er hat alle in der Hand gehabt.

Der Bibliothekar ist Seiteneinsteiger, „aus Interesse“, sagt er. Seit 1990 arbeitet er in der Bibliothek, seit 1993 leitet er sie. Neben dem „Hüten des Schatzes“, wie er sagt, ist Pater Johannes für die Neuanschaffung zuständig: zur beruflichen und theologischen Weiterbildung der Mitbrüder und zur Erbauung, dem Lesen nach Feierabend. Leseempfehlung? Houllebecqs „Unterwerfung“, Krimis von Martin Suter und Dick Francis oder die Reiseberichte Wolfgang Büschers.

„Wichtige Werke zur aktuellen Lage in Kirche und Gesellschaft sind vorhanden“, sagt Pater Johannes. Die Mönche haben den Anspruch, über aktuelles Geschehen gründlich informiert zu sein. Der Bibliothekar legt ein Buch auf den Tisch, „Zum Töten bereit“. „Was bewegt Menschen, in den Dschihad zu ziehen? Sehr interessant“, sagt er.

Schüler dürfen ausleihen

Ausleihberechtigt sind die Mitbrüder sowie Schüler und Lehrer des Gymnasiums. Wie überall sind gedruckte Bücher nicht mehr so gefragt, die Anzahl der Ausleihen nimmt ab. Es gibt erste Ansätze, elektronische Medien in den Bestand aufzunehmen.

Johannes Sauerwald ist mit Büchern aufgewachsen, die Begeisterung für das geschriebene Wort versucht er weiterzugeben. „Man muss jemanden finden, mit dem man aktuelle Themen oder seine Lieblingslektüre besprechen kann“, sagt er. Ab und zu schmökert er, lässt sich überraschen und zieht einfach etwas aus dem Regal.

Werke mit „Halbwertszeit“

Die Arbeit in der Bibliothek ist ein Fass ohne Boden. Bände wollen durchgesehen, Zeitschriften gesammelt und ergänzt, alte Schinken aussortiert, ganze Konvolute von Büchern verschoben werden, weil der Platz nicht reicht.

Einmal im Jahr findet der Adventsmarkt der Abtei statt, Pater Johannes richtet die Bücher her, damit sie verkauft werden können. Das alles von einem Pater, der nur halbtags im Keller der Abtei arbeitet. „Wir sind nicht dazu da, Schrifttum zu dokumentieren“, sagt Pater Johannes. Bücher hätten nun mal eine gewisse Halbwertszeit – in geistiger Hinsicht. „Die größte Büchervernichtung findet in Bibliotheken statt.“

Vier große Probleme hat er: Personal, Zeit, Geld und Platz. Von allem zu wenig. Wie ist es für einen Bücherfreund, dieses gesammelte Wissen, interessante Fakten und spannenden Geschichten daliegen zu sehen – würde er diese Bücher gern einmal lesen? Pater Johannes zuckt die Achseln. „Ich weiß immerhin, dass sie da sind.“