„Grenzen zum ersten Arbeitsmarkt sind fließend“

Die Klienten in der Lenne-Werkstatt
Die Klienten in der Lenne-Werkstatt
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung ist gestiegen. Die Lennewerkstatt des Sozialwerks St. Georg soll Brücken zum ersten Arbeitsmarkt bauen.

Schmallenberg..  Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung ist gestiegen – allein im Bezirk Meschede-Soest sind es 86 Personen mehr als im Vormonat. Im Gespräch mit dieser Zeitung spricht Friedrich Gleißner, Geschäftsführer der Lennewerkstatt des Sozialwerks St. Georg, über die Arbeitsmarktchancen für seine Klienten.

Frage: Wie erklären Sie sich den Anstieg der Arbeitslosenzahlen unter Menschen mit Behinderung?

Friedrich Gleißner: Ich denke das ist in erster Linie saisonbedingt, im Januar steigen die Zahlen auf dem Arbeitsmarkt grundsätzlich an und viele Menschen mit Behinderung sind ja auch auf dem freien Arbeitsmarkt tätig. Längst nicht alle von ihnen kommen zwangsläufig mit sozialen Trägern in Kontakt.

Wo verläuft die Grenze zwischen dem sogenannten geschützten Arbeitsmarkt, den Sie bieten können, und dem ersten Arbeitsmarkt?

Einerseits gibt es Arbeitnehmer, die während ihres Berufslebens erkranken und dann als schwerbehindert gelten. Für diese Menschen tun die Firmen viel Positives, um sie zu halten. Dann gibt es die Menschen, die bei uns in den Werkstätten arbeiten, dabei sind die Grenzen zum ersten Arbeitsmarkt aber fließend. Wir sind sogar dazu verpflichtet, Brücken zu bauen, zum Beispiel über Integrationsunternehmen, mit denen wir kooperieren. Eines führen wir auch selbst.

Eigentlich widersprechen spezielle Werkstätten für Menschen mit Behinderung ja dem Inklusionsgedanken, weil sie eben nicht in der Mitte der Gesellschaft arbeiten.

Einerseits ja, aber die Lennewerkstatt ist deshalb zum Beispiel mitten im Industriegebiet angesiedelt – auch das ist Inklusion. Und manche Menschen brauchen dieses geschützte Angebot ganz einfach, weil sie nicht so viel leisten können, dass ein gewinnorientiertes Unternehmen bereit wäre, sie einzustellen.

Welche alternativen Modelle halten Sie für denkbar?

Es gibt verschiedene Herangehensweisen. In England zum Beispiel wurden alle Werkstätten radikal geschlossen – seitdem hat sich die Situation der Betroffenen aber deutlich verschlechtert. In den skandinavischen Ländern gibt es zum Beispiel ein spezielles Rentensystem, das den Lebensunterhalt der Menschen mit Behinderung sicherstellen soll. Sie gehen zwar einer Arbeit nach, aber eben nicht, um Lohn zu erwerben. Ich selbst wäre für ein Kombimodell, aus Arbeitslohn und staatlichen Leistungen.

So lange unser Arbeitsmarkt aber so bleibt wie er ist – was tut das Sozialwerk, um mehr Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung zu gewinnen?

Wir kooperieren zum Beispiel eng mit der Industrie- und Handelskammer. Von dort kommen regelmäßig Anfragen nach Arbeitskräften für verschiedene regionale Betriebe. So etwas kann aber nur personenbezogen funktionieren. Die Unternehmen müssen uns einerseits genau sagen, wen sie suchen und sich dann aber auch auf die jeweilige Person einstellen können. Wir haben zum Beispiel mit Gastronomiebetrieben gute Erfahrungen gemacht.