„Ein Toben wie ein wüstes Erdbeben“

Meschede..  Erschütternde Nachrichten von verletzten und gefallenen Soldaten an den Fronten erreichten im letzten Kriegsjahr das Sauerland. Die Ungewissheit über das Schicksal des Vaters, Mannes oder Sohnes quälte die Angehörigen in der Heimat. Doch schon bald rückt die Front auch an die Stadt Meschede.

Die Tieffliegerangriffe vom Oktober 1944 brachten die ersten drei Toten. Der nächste Angriff, am 8. Februar 1945, überlieferte schreckliche Bilder – 17 Tote.

Danach ging es bei den Angriffen um die Eisenbahnlinie im Ruhrtal. Zugverkehr beschränkte sich nur noch auf die Dunkelheit der Nacht. Doch der Kreisstadt an der Ruhr stand ein noch viel größerer Vernichtungsangriff bevor. Die Meldungen von Bombardierungen anderer Städte ließ Unheilvolles erahnen.

In den Erinnerungen eines Überlebenden in „Meschede Zeitzeugen“, Band I, heißt es: „Den ersten und zugleich härtesten Angriff musste die Stadt am 19. Februar 1945 über sich ergehen lassen. Gegen 14.10 Uhr näherten sich Flieger in großer Höhe und schossen zunächst mit den Bordwaffen in die aufgeschreckte Stadt.

In Kellern und Bunkern verkrochen

Das Geknatter trieb die Menschen im Nu von den Straßen. Vielen hat dieses Signal das Leben gerettet, denn kaum, dass die Männer, Frauen und Kinder sich in den Kellern und Bunkern verkrochen hatten, da bebten auch schon die festen Mauern, ohrenbetäubendes Tosen und Toben umhüllten die Menschen. Wie ein wüstes Erdbeben, ja wie der Weltuntergang durchlief es die Straßen der Stadt.

Zwei Minuten etwa dauerte dieser höllische Totentanz. Trümmer, nur Trümmer wohin man sah! Und überall Feuer. Prasselnd und rauchend fraßen die Flammen den Rest der Habe.“

Besonders betroffen waren die Innenstadt und die Nördelt. Was diese Minuten an Not und Schmerz in den Herzen weckten, lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Die bitteren Tränen der nächsten Stunden galten vor allem den Toten, die Opfer des grausamen Werkes geworden waren.

300 zerstörte Gebäude

300 Gebäude lagen zerstört, dazu kamen die Pfarrkirche, das Altersheim, der Kindergarten, das Rathaus, die Post, das Arbeitsamt, die Schützenhalle, die Sauerländer Bank, die Schuhleistenfabrik Les, die Werkzeugfabrik Wiebelhaus, die Stickerei Wigge und Wilmers und die Zigarrenfabrik Schulte.

Die Statistik spricht von 45 toten Zivilisten und 7 ausländischen Kriegsgefangenen, 21 Verwundeten, 1 verschütteten und 2 vermissten Personen.

158 Sprengbomben, darunter 25 Blindgänger, 20 000 Stabbrandbomben und 250 Phosphorbomben waren auf Meschede gefallen.

Sie verursachten 203 Großbrände, 105 mittlere und 85 kleinere Brände. 122 Häuser wurden völlig zerstört, 83 schwer beschädigt, 50 mittel und 102 leicht beschädigt. Im landwirtschaftlichen Bereich entstanden Flurschäden, die sich über 50 000 Quadratmeter erstreckten.

Kaum zerstört wurden bei diesem ersten Angriff die Honsel-Werke. Aber auch dieser große Betrieb blieb nicht verschont, denn Meschede hatte noch weitere Angriffe, am 28. Februar und am 23. März, zu überstehen.

Weitere Zahlen aus der „Statistik des Grauens“: Am 28. Februar 1945 erfolgte der erste, große Angriff auf die Honsel-Werke. Betroffen war auch das Gebiet zwischen Beringhauser Straße und Schultenkamp. 38 Tote waren zu beklagen.

Am 9. März gab es erneut einen Tieffliegerangriff mit Splitterbomben auf Bahn und Schlachthaus. Einen Tag später wiederholte sich ein Angriff auf einen Transportzug mit ausländischen Gefangenen bei Laer. Auch dabei gab es viele Tote.
Archiv Bernd Schulte