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Blindsein

Ein Leben in immerwährender Dunkelheit

12.02.2012 | 16:42 Uhr
Ein Leben in immerwährender Dunkelheit
Eine Hand muss immer Kontakt zum Geländer, zur Wand etc. halten. So kann sich ein Blinder orientieren. Fotos: Katharina Klöber

Meschede. Meschede.Blindsein, die eigene Hand vor Augen nicht sehen können - wie sich das anfühlt, wissen selbst Brillenträger nicht. Im Blindenaltenheim konnten das am Wochenende alle Neugierigen in einem Dunkel-Parcours ausprobieren.Blindsein, die eigene Hand vor Augen nicht sehen können - wie sich das anfühlt, wissen selbst Brillenträger nicht. Im Blindenaltenheim konnten das am Wochenende alle Neugierigen in einem Dunkel-Parcours ausprobieren.

„Wir wollten den Leuten einfach mal zeigen, was Blindsein bedeutet“, sagt Hiltrud Müller, Betreuerin im Altenheim. „In unserem Parcours kann jeder selbst erleben, was völlige Dunkelheit in einem auslöst.“

Für den Parcours haben Müller, Geschäftsführer Johannes Stienen und die anderen Mitarbeiter einen Gemeinschaftsraum umgestaltet. Die Fenster haben sie sorgfältig mit Silo-Folie abgeklebt. So gelangt kein einziger Lichtstrahl nach drinnen.

Hiltrud Müller und Johannes Stiefen, Angestellte im Blindenaltenheim Meschede, Nördeltstraße 33.

Für jeden Besucher gilt: Die rechte Hand ist zur Orientierung da. Sie muss immer in Kontakt zu einem Gegenstand bleiben - zum Beispiel zur Wand, zu Tischen oder Stühlen. Zwischendurch werden dem Besucher kleine Aufgaben gestellt. An einer Stelle stößt die rechte Hand plötzlich an etwas Haarig-Borstiges. Als sich die Hand entgegen der Haarwuchsrichtung weiter vortastet und die Formen erfühlt, wird klar: Es ist ein ausgestopfter Fuchs.

An einer anderen Station haben die Mitarbeiter Kästen aufgebaut. In dem ersten befinden sich viele kleine Perlen und Holz-Gegenstände, im zweiten ertastet die Hand etwas Weiches, Flauschiges. Im dritten Kasten befinden sich dagegen kantig-harte, flache Formen. Das Ertastete entpuppt sich als Linsen, Wattebällchen und Muscheln.

Ganz schwierig wird es im Dunkel-Café. Die Besucher müssen sich selbst eine Tasse Kaffee einschenken - ohne zu kleckern. „Viele Blinde haben ihre eigenen Tricks“, sagt Hiltrud Müller. „Zum Beispiel halten manche beim Einschütten einen Finger in die Tasse, um den Pegel zu messen.“ Nicht nur das Einschenken ist nicht ohne. Auch beim Schmecken entstehen Fragezeichen im Kopf. Süß und weich fühlt sich der Kuchen auf der Zunge an. Dass es ein Blätterteig-Teilchen mit Quarkfüllung ist, ist kaum auszumachen - hätte es nicht eine Mitarbeiterin verraten. Der Geschmackssinn scheint mit dem Licht ausgeschaltet worden zu sein.

Anschließend sollen die Besucher bezahlen - exakt 47 Cent. Die bereitgestellten Münzen im Dunkeln zu unterscheiden, ist nicht einfach. Da wird gewogen, getastet; da werden Größen verglichen. Aber selbst das Bezahlen kann man sich leicht machen. „Manche Bewohner unseres Hauses haben nur Fünf-Euro-Scheine im Portemonnaie. So wissen Sie immer, womit sie die Rechnung begleichen“, sagt Hiltrud Müller. „Die Münzen unterscheiden sich aber auch alle von einander“, erklärt sie. „Da braucht man eben etwas länger, weil man erst die Form fühlen muss.“

Bestandteil des Parcours sind z.B. Fühl-Kästen.

83 Senioren leben im Blindenaltenheim. 60 Prozent davon sind blind oder sehbehindert.

Um sich in ein Leben in immerwährender Schwärze hinein versetzen zu können, sind acht Schulklassen gekommen - aus Meschede, Bestwig, Olsberg und Arnsberg. „Wir haben insbesondere solche Schulen eingeladen, die Jugendliche für Pflegeberufe ausbilden“, sagt Müller.

Zwar hätten viele Schülerinnen und Schüler positiv auf das Experiment reagiert. Einige hätten indes sofort wieder ins Helle gewollt. „Einer hat fast hyperventiliert, andere haben auf dem Absatz kehrt gemacht und gesagt ‘Das halte ich nicht aus’“, berichtet Hiltrud Müller. Sie glaubt, das größte Problem im Dunkel-Parcours sei die Unsicherheit. „Nicht zu wissen, was einen erwartet, löst bei vielen Stress oder sogar Panik aus.“ „Ich will hier raus“ - die Besucher können um Hilfe bitten. Die Bewohner des Altenheims nicht. Sie leben jeden Tag im Dunkeln.

„Wir wollten den Leuten einfach mal zeigen, was Blindsein bedeutet“, sagt Hiltrud Müller, Betreuerin im Altenheim. „In unserem Parcours kann jeder selbst erleben, was völlige Dunkelheit in einem auslöst.“

Für den Parcours haben Müller, Geschäftsführer Johannes Stienen und die anderen Mitarbeiter einen Gemeinschaftsraum umgestaltet. Die Fenster haben sie sorgfältig mit Silo-Folie abgeklebt. So gelangt kein einziger Lichtstrahl nach drinnen.

Hiltrud Müller und Johannes Stiefen, Angestellte im Blindenaltenheim Meschede, Nördeltstraße 33.

Für jeden Besucher gilt: Die rechte Hand ist zur Orientierung da. Sie muss immer in Kontakt zu einem Gegenstand bleiben - zum Beispiel zur Wand, zu Tischen oder Stühlen. Zwischendurch werden dem Besucher kleine Aufgaben gestellt. An einer Stelle stößt die rechte Hand plötzlich an etwas Haarig-Borstiges. Als sich die Hand entgegen der Haarwuchsrichtung weiter vortastet und die Formen erfühlt, wird klar: Es ist ein ausgestopfter Fuchs.

An einer anderen Station haben die Mitarbeiter Kästen aufgebaut. In dem ersten befinden sich viele kleine Perlen und Holz-Gegenstände, im zweiten ertastet die Hand etwas Weiches, Flauschiges. Im dritten Kasten befinden sich dagegen kantig-harte, flache Formen. Das Ertastete entpuppt sich als Linsen, Wattebällchen und Muscheln.

Ganz schwierig wird es im Dunkel-Café. Die Besucher müssen sich selbst eine Tasse Kaffee einschenken - ohne zu kleckern. „Viele Blinde haben ihre eigenen Tricks“, sagt Hiltrud Müller. „Zum Beispiel halten manche beim Einschütten einen Finger in die Tasse, um den Pegel zu messen.“ Nicht nur das Einschenken ist nicht ohne. Auch beim Schmecken entstehen Fragezeichen im Kopf. Süß und weich fühlt sich der Kuchen auf der Zunge an. Dass es ein Blätterteig-Teilchen mit Quarkfüllung ist, ist kaum auszumachen - hätte es nicht eine Mitarbeiterin verraten. Der Geschmackssinn scheint mit dem Licht ausgeschaltet worden zu sein.

Anschließend sollen die Besucher bezahlen - exakt 47 Cent. Die bereitgestellten Münzen im Dunkeln zu unterscheiden, ist nicht einfach. Da wird gewogen, getastet; da werden Größen verglichen. Aber selbst das Bezahlen kann man sich leicht machen. „Manche Bewohner unseres Hauses haben nur Fünf-Euro-Scheine im Portemonnaie. So wissen Sie immer, womit sie die Rechnung begleichen“, sagt Hiltrud Müller. „Die Münzen unterscheiden sich aber auch alle von einander“, erklärt sie. „Da braucht man eben etwas länger, weil man erst die Form fühlen muss.“

Bestandteil des Parcours sind z.B. Fühl-Kästen.

83 Senioren leben im Blindenaltenheim. 60 Prozent davon sind blind oder sehbehindert.

Um sich in ein Leben in immerwährender Schwärze hinein versetzen zu können, sind acht Schulklassen gekommen - aus Meschede, Bestwig, Olsberg und Arnsberg. „Wir haben insbesondere solche Schulen eingeladen, die Jugendliche für Pflegeberufe ausbilden“, sagt Müller.

Zwar hätten viele Schülerinnen und Schüler positiv auf das Experiment reagiert. Einige hätten indes sofort wieder ins Helle gewollt. „Einer hat fast hyperventiliert, andere haben auf dem Absatz kehrt gemacht und gesagt ‘Das halte ich nicht aus’“, berichtet Hiltrud Müller. Sie glaubt, das größte Problem im Dunkel-Parcours sei die Unsicherheit. „Nicht zu wissen, was einen erwartet, löst bei vielen Stress oder sogar Panik aus.“ „Ich will hier raus“ - die Besucher können um Hilfe bitten. Die Bewohner des Altenheims nicht. Sie leben jeden Tag im Dunkeln.

Katharina Klöber

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