Ein ganz normaler Abend im „Kumm rin“

WP-Volontär Hendrik Schulz zapft in der Dorfkneipe „Kumm rin“ in  Ostwig, die von ehrenamtlichen Wirten betrieben wird.
WP-Volontär Hendrik Schulz zapft in der Dorfkneipe „Kumm rin“ in Ostwig, die von ehrenamtlichen Wirten betrieben wird.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Unser Volontär Hendrik Schulz hat einen ganz normalen Abend in der Ostwiger Ehrenamtskneipe „Kumm rin“ erlebt - als Wirt hinter der Theke.

Ostwig..  90-jährige Turnfrauen, die Ramazotti trinken; das perfekte Pils; zerdepperte Gläser; Frikadellen, Döner und die ganz hohe Kunst des Sprücheklopfens. Unser Volontär Hendrik Schulz hat einen ganz normalen Abend in der Ostwiger Ehrenamtskneipe „Kumm rin“ erlebt - als Wirt hinter der Theke.
17.30 Uhr. Vorsitzender Klaus Schmücker schließt auf. Mein Mitwirt Dirk Braun, den alle Brauni nennen, macht die Kneipe scharf: Abtropfsiebe auf die Theke, Bleistifte anspitzen, den „Nachtwächter“ aus dem Hahn zapfen. Gleich kommen die ersten Gäste.
17.35 Uhr. Und da sind sie auch schon. Ein paar ältere Herren aus dem Dorf setzen sich an ihre Stammplätze - Ecke, Thekensofa. „Bei wem kann ich denn hier bestellen“, scherzt einer. Mir fehlt das Wirte-Shirt. Ganz links ein großes Pils und ein Wacholder, daneben kleine Pils und Wacholder. Und immer nachlegen. „Wer an der Theke sitzt und das Glas leer hat, bekommt das nächste“, stellt Dirk Braun klar.

17.45 Uhr. Die Turndamen kommen hereingetrippelt, fröhliche Damen, die Vorsitzende ist 90, wirkt wie 70. Lange haben sie gemeinsam geturnt. „Jetzt machen sie ab und zu Thekenturnen“, sagt Braun. Klaus Schmücker musste eigentlich nur zum Aufschließen kommen, aber er guckt mal eben, ob das Bier auch nicht schlecht geworden ist.

18.15 Uhr. Die Turndamen bekommen die nächste Runde, jetzt bediene ich. Wer ich denn sei? Von der Presse, sage ich. „Also heißen sie Herr Presse?“, zieht sie mich auf. „Wohnen Se hier in Ostwig?“ Eine andere Dame unterbricht. „Die sind nicht neugierig, die wollen nur alles wissen.“


19.30 Uhr. Mit dem Zapfen hapert es noch. Im „Kumm rin“ wird ein perfektes Pils wertgeschätzt, das Verhältnis von Bier zu Schaum muss stimmen. Ich selbst bin ja eher der So-voll-wie-es-geht-Typ. Kommt immer drauf an, wie viel Bier im Fass ist, wie groß der Durchfluss ist, wie man das Glas hält, klärt mich Braun auf. Zapfen ist immer anders. Genau wie die Wirteschaft. „Jeder ist ungefähr einmal im Monat dran“, sagt er. „Wenn du jeden Abend hinter der Theke stehst, hast du auch mal ‘nen schlechten Tag. So freut man sich eigentlich immer drauf.“ Da ist was dran. 19.45 Uhr. Die Turndamen bekommen den ersten Ramazotti. Jeder, der hereinkommt, wird mit Namen begrüßt. Ich zerdeppere das erste Glas im Spülbecken. „Macht doch nix“, sagt mein Mit-Wirt. Er habe mal einer Kundin ein volles Tablett übergekippt. „Zum Glück gibt’s nichts, was man mit nem Schnaps nicht wieder hinkriegt.“ Aufschreiben ist einfach: Bier, Schnaps, Cola und Co ein Strich; großes Pils, doppelter Schnaps zwei Striche.

20.30 Uhr. Ich beginne mich auf einen entspannten Abend einzustellen. Die Damen sind gegangen, ein paar Jugendliche spielen im Hinterzimmer Dart, ein Stammtisch hockt im Séparée. Vorn in der Ecke wird weiter die Tradition des Sprücheklopfens hochgehalten. Viel ist nicht zu zapfen. „Trockene Luft, ‘ne?“, stellt Braun fest. So ein 0,2er Pils verdunstet aber auch schnell. Wirte zahlen die Hälfte. „Wenn’s brennt, verabschiedet sich ein Wirt, der eigentlich keine Schicht hat, halt mal ‘ne Stunde von seinem Tisch und spült.“ Hängen lassen ist nicht im „Kumm rin“.

21.20 Uhr. Die vordere Thekenecke ist bei den Unsäglichkeiten des Fernsehalltags angekommen. Ein Gast will gleich gehen, noch ein Pils? Braun nimmt ihm die Entscheidung ab. „Jeder soll glauben was er will; ich glaub, Du trinkst noch einen.“

23.00 Uhr. Es wird doch voll. Ein paar Jungs schocken und trinken Schnäpse, „Sehr alter Schneider“ und ein unsägliches blaues Zeug, das riecht wie Eisbonbons. Irgendwann kommt ein Dönerlieferant, Knoblauchdunst zieht durch die Kneipe. „Ich füll’ noch mal die Frikadellenwerkstatt“, sagt Braun. Bier macht hungrig. Die Jungs, die inzwischen im Séparée hocken, hauen rein.

0.00 Uhr. Einige Versprengte des Schützenvereins steuern das „Kumm rin“ an und bestellen Whisky-Cola. Doppelt Whisky. Einer will nicht. „Bist Du eigentlich voll der Lahmarsch oder was?“, ruft einer fröhlich und haut seinem Kompagnon auf die Schulter.

1.45 Uhr. Ein Schützenwürdenträger ist an der Theke eingeschlafen. „Pennt der?“, fragt einer. „Nee“, sagt Braun, „der geht noch mal seine Rede für morgen durch.“ Jemand wird mit dem Heimtransport beauftragt, man muss zeitig anfangen, bis die Kneipe mal leer ist...

2.35 Uhr. Die letzten beiden Hartgesottenen sind gegangen. Checkliste abarbeiten: Abtropfsiebe in die Spülmaschine, Tische und Theke mit Seifenwasser abwischen, Kasse zählen. Wir haben ganz gut verdient, über 50 Euro Trinkgeld. Kommt alles dem Dorf zugute.

3.20 Uhr. Als der Hahn anfängt zu krähen, schnappen Dirk Braun und ich uns die tariflich zugesicherten Frikadellen und gehen nach Hause.