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Ehemaligentreffen in der Entzugsklinik Fredeburg

16.09.2012 | 17:49 Uhr
Ehemaligentreffen in der Entzugsklinik Fredeburg
Der 37-jährige Andreas Berenbrinker aus Bielefeld hat 34 Wochen in der Fachklinik Fredeburg verbracht.Foto: privat

Am Wochenende fand in der Fachklinik Bad Fredeburg das alljährliche Ehemaligentreffen statt. Ein ehemaliger Alkoholiker schildert seine Erinnerungen an die Klinik, die damaligen Mit-Patienten und lange Spaziergänge durch die Berge des Sauerlands, auf denen er zum Nachdenken kam.

Es ist schon ein Ritual. An jedem dritten Samstag im September fahre ich die Strecke von meiner Heimat in Ostwestfalen ins Sauerland. In Bielefeld startend, passiere ich Lippstadt und Warstein und lasse dabei auch die dortige Brauerei fast schon symbolisch links liegen. Spätestens in Meschede, wenn es am Hennesee vorbei geht, steigt die Vorfreude. Es ist wieder Ehemaligentreffen in der Suchtfachklinik Fredeburg, in der ich insgesamt 34 Wochen meines Lebens verbrachte.

„Wann werden Sie endlich erwachsen?“, auch diese Frage meines Therapeuten schwirrt mir bei der Anfahrt durch den Kopf. Ich war 23 Jahre alt, als ich 1998 zur ersten Therapie ins Sauerland kam. Ich wusste, dass mein Alkoholkonsum jenseits von Gut und Böse war. Auf die Frage, ob ich ein Problem mit oder ohne Alkohol habe, konnte ich keine Antwort geben, mein Job und auch meine Gesundheit hingen am seidenen Faden. Aber wahrhaben wollte ich das alles nicht. Ich hatte doch keine Probleme! Ich doch nicht. Ich hatte eine Familie, viele Freunde und sogar noch meine Arbeitsstelle. So eine Therapie war nichts für mich – das stand für mich fest. Ich habe mich benommen und verhalten wie ein kleiner Junge.

Gefangen in der Sucht

24 Wochen sollte die Therapie dauern, und nachdem ich nach der ersten Alkoholentwöhnungskur ziemlich schnell wieder zur Flasche gegriffen hatte, kamen im Jahr 2000 noch mal zehn Wochen dazu. Wieder Sauerland, wieder Bad Fredeburg. Ich war in der Sucht gefangen, alles drehte sich um die Beschaffung des Alkohols, es gab keinen anderen Gedanken. Zu schlimmsten Zeiten habe ich zwei Flaschen Wein und bis zu zwei Flaschen Wodka am Tag getrunken. Um die Zahnbürste morgens halten zu können, musste ich nachtanken. Ich funktionierte nur bei über zwei Promille.

Vielfältige Hilfe für Patienten und Angehörige

Die Fachklinik Fredeburg ist eine Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen.

Sie nimmt weibliche und männliche alkohol-, cannabis-, medikamenten- und mehrfachabhängige Patienten sowie die Krankheitsbilder Pathologisches Glücksspielverhalten / Pathologischer PC Gebrauch und psychiatrischen Erkrankungen zur medizinischen Rehabilitation auf. Spezielle Angebote gibt es für Frauen, Junioren, Senioren und Angehörige von Suchtkranken.

Weitere Infos: www.fachklinik-fredeburg.de

Auch meine zweite Therapie hatte vordergründig nichts gebracht. 2001 trank ich mehr denn je – alles schien sinnlos, ich war ein körperliches und psychisches Wrack. Gleichzeitig nahm auch der familiäre und soziale Druck zu. Es war der 24. September 2001, als ich „einfach“ aufhörte zu trinken. Ich wusste wie der Entzug laufen würde. Ich wusste, dass mir meine Abstinenz zunächst niemand glauben würde. Ich wusste, dass es sehr schwer werden würde. Aber es hat geklappt – seit fast genau elf Jahren bin ich trocken.

Und ich fahre gerne zur Fachklinik Fredeburg, auch wenn viele das wegen scheinbar zwei gescheiterter Therapien nicht verstehen. Hier habe ich ein Teil meines Lebens verbracht und viel für mich gelernt. In der kaum veränderten Klinik erinnert mich vieles an damals. In der kargen Aufnahmestation lag ich eine Woche. Kein Fernsehen, keine Handys, natürlich kein Internet. Einmal am Tag ging es um 17 Uhr nach draußen. Nicht früher und nicht später – wir mussten nach strikten Regeln leben. Regeln, die es in der Zeit mit Wein und Wodka für mich nicht gab. Wie oft saß ich in den Gruppenräumen und habe dort lustlos, schlecht gelaunt, aber auch agil und motiviert an mir gearbeitet? Wie oft haben wir in den Teeküchen dieses Kaff im Sauerland verflucht, uns gegenseitig bemitleidet, aber auch Trost und Mut zugesprochen?

Der Kontakt zu den anderen Patienten ist eingeschlafen

Aber es ist nicht nur die Klinik, auf die ich mich beim Treffen freue. Es sind leider auch nicht die Menschen, weil der Kontakt zu den Mitpatienten eingeschlafen ist und viele der Therapeuten nicht mehr an der Klinik sind. Es ist das Dorf Bad Fredeburg, das ich ins Herz geschlossen habe. Hier kenne ich jede Ecke, den Weg hoch zur Klinik bin ich Hunderte Male gegangen. Ein steiler Aufstieg im Sauerland – am Gipfel die Abstinenz. In den Wäldern Bad Fredeburgs habe ich lange Spaziergänge gemacht, speziell die kleinen Fluchten vom Klinikalltag an Weihnachten und Silvester bleiben in Erinnerung. In Gedanken versunken habe ich, der vieles mit sich selbst ausmacht, hier und an vielen anderen Stellen des schönsten Ortes im Sauerland über mich sinniert.

Es ist etwas Besonderes nach Bad Fredeburg zu kommen, und wenn ich wieder nach Hause fahre, freue ich mich auf das nächste Jahr. Zuhause warten meine Frau und meine kleine Tochter. Der Junge von damals ist erwachsen geworden.

Andreas Berenbrinker



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