„Die Situation ist nicht vergleichbar“

Richtfest in der Straße Zum Siepen 31, die früher Oststraße hieß. Die SBG schaffte viel neuen Wohnraum.
Richtfest in der Straße Zum Siepen 31, die früher Oststraße hieß. Die SBG schaffte viel neuen Wohnraum.
Foto: Josef Giese
Zwischen 1939 und 1953 wächst die Stadt Meschede trotz der Verluste im Zweiten Weltkrieg - um rund ein Drittel seiner Einwohner - von 6325 auf 9905 Bürger. Grund sind vor allem die Flüchtlinge.

Meschede..  Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Menschen nach Meschede, die aus den Deutschen Ostgebieten vertrieben werden. Sie stellen die Mescheder vor eine große Herausforderung. Denn auch hier waren Wohnraum und Lebensmittel knapp. Die Siedlungs- und Baugenossenschaft (SBG), gegründet 1935, hat damals entscheidend zur Beseitigung der Wohnungsnot beigetragen. Im Gespräch blicken Aloys Franke (90), von 1957 bis 1984 Architekt der SBG, und Josef Lumme (Vorstand) zurück.

Was wurde damals von der SBG gebaut?

Josef Lumme: Die Siedlungs- und Baugenossenschaft, die zuständig war für den alten Kreis Meschede, baute damals so genannte Kleinwohnungen, Kleinsiedlungen und Eigenheime. Zwischen 1945 und 1960 entstanden rund 2500 Wohnungen im Kreis Meschede.

Aloys Franke: 90 Wohnungen hatten den Krieg überstanden. Sie lagen vor allem in der Kolpingstraße, im Trappweg und in der Mallinckrodtstraße. Als erstes entstanden in der Straße zum Siepen (damals Oststraße) und in der Waldstraße neue Mietwohnungen in Sechs-Familien-Häusern.

Aber die SBG hat auch den Bau von Einfamilienhäusern unterstützt?

Franke: Das war die so genannte Bauernsiedlung. Wer dort bauen wollte, musste nachweisen, dass er in den ehemaligen Ostgebieten Land besessen hatte. Die so genannten Großbauern erhielten einen Morgen Land - also 2500 Quadratmeter, wer weniger Land nachweisen konnte, erhielt entsprechend weniger. Später wurde die Fläche deutlich reduziert.

Die Vertriebenen sollten sich selbst versorgen?

Franke: Ja, dafür musste ein Stall gebaut werden, in dem ein Schwein und Hühner gehalten werden konnten. Und ein Wirtschaftsraum war Pflicht. Damals entstanden Häuser auf der so genannten Hückeler Höhe auf dem Land des Grafen von Westphalen. Die ersten Häuser baute die Deutsche Bauernsiedlungs GmbH, die SBG hat dann quasi darum herum gebaut.

Wer kam damals als Vertriebener?

Franke: In der Regel waren das Familienverbände, oft mit den Großeltern, die alle gemeinsam in einem Haus wohnten. Sie waren froh nach der Zeit in Lagern, Ställen und Kellern, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben.

Wie finanzierten die Familien solche Bauten?

Franke: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Eigenleistungen wurden verlangt. Ich erinnere mich an einen Honsel-Arbeiter, der sagte mir, bald bekomme ich meinen ersten Lohn und davon kaufe ich mir eine Hacke. Das sind meine Eigenleistungen. Gegenseitige Hilfe gab es auch, aber das war nicht immer einfach.

Wie kam es, dass gerade die SBG einen Großteil der Häuser baute?

Lumme: Ich denke, es lag daran, dass wir als Treuhänder öffentliche Gelder verwalten durften. Und das war ja wichtig für alle, die günstige Darlehen und Zuschüsse erhielten.

Gab es einen heimlichen Groll gegenüber den Flüchtlingen?

Franke: Das gab es bestimmt, und jeder hat versucht, seine eigene Lebenssituation so gut wie möglich zu gestalten. Die Vertriebenen wurden ja auch zwangseinquartiert, aber jedem war klar, dass sie keine andere Wahl hatten als zu kommen.

Was denken Sie: Kann man die Situation der damaligen Vertriebenen mit der Situation der heutigen Flüchtlinge vergleichen?

Lumme: Ich glaube nicht. Die Menschen aus den Ostgebieten kamen zwar ähnlich mittellos, sprachen aber doch die gleiche Sprache wie wir und hatten den gleichen kulturellen Hintergrund.

Franke: Die damalige Geschichte ist eine Situation für sich. Beides scheint mir nicht vergleichbar.

Wie gehen Sie heute mit der Situation um, wenn Sie Flüchtlinge unterbringen wollen?

Lumme: Nicht jedes Haus kommt für eine Belegung mit Flüchtlingen in Frage. Die Nachbarschaft muss mitmachen und die Neubürger auch in das entsprechende Haus wollen. Dabei entsteht leicht eine Zwickmühle: Für die Integration ist es am besten, wenn Flüchtlinge nicht separat untergebracht werden. Aber was würden wir denn machen, wenn wir in die Fremde müssten? Wir würden auch versuchen möglichst nah bei Freunden und Familie zu bleiben. Da fällt das Lernen der Sprache und kulturelle Integration schwerer.