Die Kunst, mit Quietschestimme zu schlucken

Marc Dolle alias Magic Marc und Puppe Dr. Hans-Harald vom Wahnsinnshaar. Foto: Hendrik Schulz
Marc Dolle alias Magic Marc und Puppe Dr. Hans-Harald vom Wahnsinnshaar. Foto: Hendrik Schulz
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Marc Dolle aus Eversberg ist eigentlich Zauberer. Und jetzt auch Bauchredner. Was mit dem Bauch eigentlich nichts zu tun hat.

Meschede..  Seit fast vier Jahren läuft Marc Dolle durch die Wohnung und quatscht mit sich selbst. Mit Quietschestimme. Er hat nicht den Verstand verloren, sondern Bauchreden gelernt. Zu Weihnachten absolvierte er seinen ersten Auftritt, jetzt folgen weitere, Karneval. Natürlich. Eigentlich ist Dolle als Zauberer Magic Marc unterwegs. Bauchreden und Zaubern, ist das irgendwie verwandt?

Nicht wirklich. Aber wenn Dolle etwas interessiert, verbeißt er sich. Vor vier Jahren sah er einen Bauchredner in der Schützenhalle, Eversberg, „war ok“. Jedenfalls dachte er: Kann ich auch.

Im Internet gibt es alles. Auch Anleitungen zum Bauchreden. „Zuerst habe ich gelernt, wie ewig es dauert, bis man es kann“, sagt Dolle, hochgegelter Bürstenschnitt, keckernde Lache. Jedenfalls besorgte er sich eine Puppe – Karl, ein schielender Rabe – und fing an. Karl hat mehrere Gesichtsausdrücke in petto, das hilft zu Anfang. Nach einem halben Jahr verließ Dolle der Mut. Dann packte ihn wieder der Ehrzgeiz.

Böse Plosivlaute

Beim Bauchreden ist es nicht damit getan, die Lippen möglichst wenig zu bewegen. Das ist schon schwer genug, besonders bei Plosiven, Verschlusslauten: P, B, M. „Paula“ mit geöffneten Lippen? Eher nicht. Dolle wendet sich an solchen Stellen leicht vom Publikum ab oder versteckt den Mund unauffällig hinter dem Headset-Mikrofon. Deshalb halten Bauchredner ihre Puppen immer auf Abstand: Die Lippen des Künstlers geraten aus dem Blickfeld, man konzentriert sich automatisch auf die Puppe. Sprechen und Mundbewegung gehören zusammen. Sascha Grammel, Star der Branche, schafft diesen Abstand durch den Höhenunterschied.

Irgendwann war Dolle so weit, vor Publikum aufzutreten. „Karl ist kinderfreundlich“, sagt er und das ist besonders schwer. Denn um die hakeligen Verschlusslaute zu Umschiffen, schreibt er die Texte entsprechend. Nur: Vor Kindern muss er genauer darauf achten, was er sagt. Es muss verständlich und darf nicht zu anzüglich sein. Das schränkt die Auswahl der Wörter ein, überall lauern böse Plosive.

Vorsicht, Niedlichkeitsvorteil

Also schwenkte er um auf ein Erwachsenenprogram und schuf Dr. Hans-Harald vom Wahnsinnshaar. Vielleicht ein Faultier. Faul sei er definitiv, „der tut nix im Haushalt.“ Dolles Agentur biss an, bei seinem ersten Auftritt vor gleich 400 Leuten – ausgerechnet – schwitzte er Blut und Wasser. Aber dem Publikum gefiel’s. Zwar waren 45 Minuten Programm geplant und der Eversberger lieferte nur 15. Aber dann zaubert Dolle halt. Vorsicht Falle: Puppen haben einen Niedlichkeitsvorteil, das Publikum erwartet, auch mal frech angepflaumt zu werden. Unverschämte Zauberer aber werden wenig gebucht.

Quietschestimme im Supermarkt

Der Bauch ist trotz der Bezeichnung Bauchreden ziemlich unbeiligt. Schwer zu erklären. „Man muss die Stimme nach hinten nehmen“, sagt Dolle. Hä? Anders: „Als ob man beim piepsig Reden anfängt zu schlucken“, erklärt er. Das geht irgendwie. Und dann dabei die Lippen bewegen. So, dass es nicht undeutlich klingt. Das dauert. Nach 10 bis 15 Jahren haben die meisten Bauchredner auch die Sache mit den Plosivlauten drauf.

Bis dahin heißt es üben. Stets und ständig, immer und überall. Hin und wieder ertappt sich Dolle dabei, wie er im Supermarkt mit Quietschestimme umherfaselt. Seine Kinder fanden es anfangs lustig, dass der Papa redet wie Mickey Mouse, aber inzwischen nervt das mitunter. „Red vernünftig“, sagte seine Frau, als Dolle ihr abends im Bett versehentlich „Gute Nacht, Schatz“ zuquiekte.