Die eigenen Schwächen einfach wegzaubern

Eversberg..  „Du hast einen neuen Trick, hab ich gehört?“ René wird ganz hibbelig. „Meine Lehrerin hat gesagt...“, sprudelt er los – „warte mal“, sagt Marc Dolle langsam. „Der Reihe nach.“ Erstmal ist der reguläre Zauberunterricht dran. Das heißt: René, 14, und Marvin, 9, sitzen jeden Mittwochabend in Dolles Zauberschule Wildhox in Eversberg und üben ihre Zaubertricks.

René ist schon ziemlich versiert. Das war nicht immer so. Er hat eine Konzentrationsschwäche. Seit einem halben Jahr ist er bei Dolle alias Magister Mado. „Nicht wiederzuerkennen“, sagt der. „René war total unsicher und konnte kaum mit anderen Leuten reden.“ René nickt eifrig. „Ich hab’ mir nicht viel zugetraut“, sagt er. Wie er da so am Tisch sitzt und vor Energie sprüht, kann man sich das nur schwer vorstellen. War aber so. „Er war total still“, sagt seine Mutter, „jetzt ist er wirklich wie ausgewechselt.“

Marvin ist noch nicht so lange dabei wie René, auch er hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. „Er hat die Buchstaben so weit auseinander geschrieben, dass seine Texte nicht lesbar waren“, sagt Dolle. Also übten sie Zaubersprüche schreiben. Mittlerweile hat Marvin auch schon ein paar Tricks drauf.

Vor dem Unterricht gibt es einen kleinen Vorgeschmack auf nächste Woche. Dolle lässt ein Ei in einem Handtuch verschwinden und in einem Karton am anderen Ende des Raums wieder auftauchen. „Willst Du mich vereimern?“, ruft René. „Das geht doch gar nicht!“ Er hält inne. „Du hattest zwei Eier.“ Dolle grinst. Richtiger Ansatz. „Aber wie hast Du das gemacht? Bringst Du uns das bei?“ Bringt er. Aber erst wird der aktuelle Trick verbessert.

Dolle möchte eine Zaubershow mit allen Schülern in der Stadthalle Meschede aufführen. Im ganz großen Stil, viele Großillusionen, Bühnenbilder, Kostüme, Licht- und Nebeleffekte, vielleicht wird sogar eine kleine Tour draus. Sponsoren ermöglichen Menschen mit Behinderung und sozial Schwachen günstigen Eintritt. René und Marvin machen auch mit, vor großem Publikum. „Soll ein tolles Gefühl sein“, sagt René. „Isses“, antwortet Marc Dolle. „Wenn die Leute klatschen oder sogar aufstehen...“

Aber erstmal müssen sie üben. Ein Ball soll verschwinden. Zauberstab unter den Arm klemmen, Ball in die andere Hand werfen, eine magische Bewegung mit dem Zauberstab – und plötzlich ist er in der anderen Hand. Das muss flüssig gehen, ohne zu stocken, sonst funktioniert es nicht. René hat den Bogen schon raus.

Tricks für die Klassenkameraden

„Durch die schnellen Erfolgserlebnisse wird das Selbstvertrauen gepusht“, sagt Dolle. „Die Kinder üben relativ kurz und können dann etwas, das andere nicht können.“ René führt seine neuen Tricks den Klassenkameraden vor und bringt sie ihnen bei.

Zwischendurch blödeln die drei herum, bei Harry Potter ist die Zauberschule strenger. „Lockere Atmosphäre ist wichtig“, sagt Dolle. Gerade bei den acht Kindern mit Aufmerksamkeitsstörung, die er unterrichtet, braucht er einen guten Draht. „Zaubern schult die Feinmotorik“, sagt Dolle. Dabei lenken die Magier davon ab, was sie eigentlich gerade tun, also erzählen sie viel.

Marvin soll den Trick vorführen und dazu etwas erzählen. Er erzählt fast genau die gleiche Geschichte wie René. „Probier mal kreativ zu sein“, sagt Dolle zu Marvin. „Schmück’ es ein bisschen aus. Je mehr Zeit du verbrauchst, desto weniger kriegen die Leute mit.“ Marvin probiert es noch mal. „Hier habe ich zwei Bälle. Nen roten und nen runden...“ Dolle klatscht. „Hast Du gut gemacht!“ Marvin strahlt.

Aufgabe bis nächste Woche: Üben. Sich eine kleine Handlung ausdenken und vorführen. Dann bringt Dolle ihnen den Eiertrick bei. Marvin ist nach Dolles Lob wie ausgewechselt und legt sofort los: Eifrig überlegt er, wie man die Geschichte ausgestalten könnte. René wirbelt seinen Zauberstab in den Fingern wie ein Schlagzeuger seine Tricks. Dolle hat versprochen, ihm geheime Zeichen in den Stab zu fräsen. Dann zaubert’s sich noch besser.