Der letzte Klavierbauer im Hochsauerlandkreis

Ein Klavier ist ein hochkomplexes Instrument aus hunderten Einzelteilen. Und alle können kaputtgehen.
Ein Klavier ist ein hochkomplexes Instrument aus hunderten Einzelteilen. Und alle können kaputtgehen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Michael Wenmakers aus Meschede ist der Einzige seiner Zunft weit und breit. Eigentlich wäre der 71-Jährige längst in Rente. Aber er liebt seinen Beruf – und wer stimmt sonst die Klaviere der Region?

Meschede-Mülsborn..  Michael Wenmakers schlägt den Ton an. Kammerton A, Kammerton A, immer wieder. „Carl Bechstein, Berlin“, steht in dem aufgeklappten Gehäuse. 88 Tasten, hunderte Saiten, dazwischen Plastikkeile zum Abdämpfen, eine Stimmgabel auf den Tasten. Der Kunde will das Klavier morgen abholen. Klavierbauer Wenmakers ist eine Institution in der Region. Seit Jahrzehnten kümmert er sich in seiner Werkstatt in Mülsborn um die Klaviere des Hochsauerlands.

Das Klavier

In Wenmakers Ausstellungsraum. Klaviere aller Farben und Größen, vorn prunkt ein neuer japanischer Flügel, spiegelblanker Lack. Dahinter ein kleines, unscheinbares Klavier, nussbraun – Steinway. „Tolles Instrument“, sagt Wenmakers. Der Klavierbauer repariert alles, was an dem komplexen Instrument kaputt gehen kann. Hämmerköpfe neu filzen, neue Wirbel einsetzen. Das perfekte Instrument gibt es für ihn nicht. „Jeder baut anders, manche klingen härter, manche weicher; jeder hört etwas anderes.“ Aber jedes Instrument hat eine Seele.

Klaviere bestehen zum großen Teil aus Holz und sind entsprechend temperaturanfällig. Fußbodenheizung ist Gift fürs Klavier. Bei guter Lagerung, nicht zu feucht, nicht zu trocken, halten sie sehr lange. Sie steigen nicht im Wert – anders als Geigen –, sind aber wertstabil. Immerhin. Nur das Gewicht ist ein Problem für einen alten Mann. „Wenn ich noch mal auf die Welt komme, handle ich vielleicht mit Blockflöten“, schäkert Wenmakers.

Das Stimmen

Wenmakers kennt den Klang hunderter Stahldrähte. Eine kleine Drehung mit dem schraubenschlüsselartigen Stimmhammer, Anschlag, Ton stimmt. Nächste Saite. 88 Töne. „Bis mein Gehör fein genug war, dauerte es einige Jahre“, sagt er. Er könnte sich einen Oszillographen kaufen, „aber an den Ohren hab’ ich ja noch nix“, sagt er und klopft auf Holz. Aufs Klavier. Toitoi.

Im ganzen Hochsauerland ist er unterwegs und stimmt Klaviere, bis nach Nordhessen. Vor jedem Auftritt in Konzerthäusern, „Pianisten sind da empfindlich“, sagt der 71-Jährige und grinst. Ein Klavier kann nach zwei Stunden schon wieder verstimmt sein, je nachdem, wie hart es der Pianist bearbeitet. „Die spielen ja nicht sanft. Bei einem Rimsky-Korsakow fliegen bei manchen fast die Hämmer oben raus.“ 16 Tonnen Zugkraft üben die Saiten auf die Gussplatte aus, die den Ton in den Resonanzkörper überträgt.

Der Verkauf

Wenmakers verkauft Klaviere, neu und gebraucht. Was hat er am Lager? „Immer das falsche“, scherzt er. Für viele ist die Farbe wichtig, schwarz poliert geht überall. Mit dem nussbraunen Steinway sieht es schon wieder anders aus oder dem Seiler in Eiche rustikal. Anderen ist das egal, Hauptsache gut spielbar. Wer kauft Klaviere? Musikschulen, Pianisten, klar; Eltern, wenn die Kinder anfangen zu spielen.

Der Beruf

Mit knapp 14 hat Wenmakers angefangen, in einer kleinen Klavierfabrik in Krefeld. Seine Mutter war Opernsängerin, er war immer schon fasziniert vom Klavier. Später arbeitete er im Ruhrgebiet, machte sich im Sauerland selbstständig. Weil er immer in die Region fuhr, für Aufträge. Wenmakers sah die Lücke. Seit mehr als drei Jahrzehnten füllt er sie aus. Er entschuldigt sich, ein Musikschulleiter will telefonisch Rat. Wenmakers spricht im Sauerländer Zungenschlag, die Konsonanten tief in der Kehle. Ab und zu klingt das Rheinländische noch durch.

Nach 43 Jahren als Klavierbauer läuft das Geschäft von alleine. Klar, früher war die Auftragslage besser, aber Wenmakers hat gut zu tun und kann sich trotzdem Zeit lassen. Man wird ja nicht jünger. „Werbung muss ich nicht schalten. Tut mir leid für die Anzeigenabteilung ihrer Zeitung“, sagt er.

Der Mensch

Seine buschigen Augenbrauen sehen aus wie die von Jack Nicholson, beide immer leicht hochgezogen. Wenmakers guckt schelmisch in die Welt. Er liebt seinen Job, ist viel unterwegs, kommt mit Leuten in Kontakt, trinkt nach dem Stimmen einen Kaffee mit seinen Kunden. „Man kann ja nicht ein Klavier abliefern, das Geld einsacken und sofort wieder fahren.“

„Die Leute jammern schon“, erzählt der gebürtige Düsseldorfer. Was sollen sie tun, wenn er sein Geschäft schließt? Erstmal kann er sie beruhigen. „Es macht Spaß“, sagt Wenmakers. Er glaubt, dass seine Frau ganz froh ist, dass er noch berufstätig ist – und sie hilft im Büro. „Sonst gingen wir uns vielleicht auf die Nerven. Und ich wüsste nicht, was ich den ganzen Tag machen sollte.“