Das schwarze Facebook-Bild von Hejar Abdalla

Das Foto zeigt Hejar Mohammed Abdalla in Istanbul – hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für das Baby im Krankenhaus und seiner Familie in Deutschland.
Das Foto zeigt Hejar Mohammed Abdalla in Istanbul – hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für das Baby im Krankenhaus und seiner Familie in Deutschland.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Für Hejar Mohammed Abdalla beginnt die Zeit in Frieden und Sicherheit mit einer niederschmetternden Nachricht. Sein jüngster Sohn Jan, gerade siebeneinhalb Monate alt, ist Montag im Krankenhaus in Istanbul gestorben. Eine Geschichte zwischen Krieg, Frieden und Behördenwillkür.

Meschede.. 38 Jahre alt ist Hejar Abdalla, ein feiner, ruhiger Mann, sorgfältig gekleidet. Man sieht dem Syrer an, dass er in Kamishli - an der Grenze zur Türkei - als Modedesigner gearbeitet hat. Brautmoden hat er kreiert und Designer ausgebildet.

Auch wenn Kamishli im kurdischen Gebiet liegt, ist es nicht wirklich autonom. „Kein Strom, kein Wasser, keine ausreichende Nahrung für meine Kinder“, berichtet er auf Arabisch, während Omar Turk übersetzt. „Ich konnte nicht mehr arbeiten.“ Ständig sei die Angst vor der IS, den sogenannten Gotteskriegern, präsent gewesen. Also flieht er mit seiner schwangeren Frau Khalat und seinen beiden Kindern, Aryan (6) und Layan (4) Jahre. Zuerst geht es in den Osten, in den Irak. Doch auch dort sieht er keine Perspektive. Dann wieder zurück nach Kamishli und vor dort über die Grenze in die Türkei - alles zu Fuß.

Hoffen und Bangen

Vom Flüchtlingscamp in der Türkei geht es weiter nach Istanbul. Dort wird Mitte November Jan geboren. Er leidet an Spina bifida („offenem Rücken“) und einem Wasserkopf. Der Junge ist schwach, doch er kämpft sich durch. Die Familie will weiter nach Deutschland. In Bielefeld lebt der Bruder der Mutter. Er lädt die Verwandten ein. Die Einreise stellt deshalb kein Problem dar. Doch Jan ist nicht transportfähig. Die Ärzte raten ab, der Flug nach Deutschland könne sein Todesurteil sein. Also schickt Abdalla seine Frau und die älteren Kinder vor, während er selbst bei seinem kranken Sohn in Istanbul bleibt.

Fotos und Kommentare zeigen ihn in der Zeit auf Facebook zwischen Hoffen und Bangen, hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für seine Familie in Deutschland und dem kranken Jungen. Er scheint gut versorgt. Der Kontakt zu den Ärzten ist eng.

Also entschließt er sich auszureisen. Auch Ärzte und Freunde raten dazu: „Deine Familie dort braucht dich jetzt mehr.“ In Deutschland stellt er einen Asylantrag, der sofort genehmigt wird. Dem Jungen scheint es besser zu gehen. Auf den jüngsten Bildern, die der Vater zeigt, lacht der niedliche Knirps in seinem Krankenhaus-Bettchen trotz Schläuchen quietschfidel in die Kamera. Auch aus dem Krankenhaus wird endlich signalisiert: Der Junge ist transportfähig.

Das Herz war zu schwach

Doch jetzt hakt es in Deutschland beim türkischen Konsulat. Denn die Abdallas sind ja weiter Syrer. Sie brauchen ein Touristen-Visum, um nach Istanbul einreisen zu dürfen. Immer wieder rufen Khalat und Hejar Abdalla in Essen an, schildern die Notlage. Doch ihnen erscheinen die Beamten dort wenig hilfsbereit. Es gebe viele Fälle wie ihren, heißt es dort. Die Eltern müssen den Nachweis für Hin- und Rückflug und ein Hotel beibringen. Kein Problem für die Familie, nur für welchen Tag?

Am 22. Juni verändert Hejar Abdalla sein Facebook-Bild - es wird schwarz. Jan ist gestorben. Das Herz war zu schwach, eine erneute Operation war nötig geworden, weil sich Wunden entzündeten.

Auf das Touristen-Visum warten die Abdallas bis heute. Jetzt brauchen sie es, um das Grab ihres Kindes zu besuchen.