Bücher atmen den Geist alter Zeiten

Meschede..  Klöster sind immer schon ein Hort des Wissens gewesen. Pflege und Wertschätzung von Büchern sind ein Teil der Klosteridentität. Die Abtei Königsmünster macht da keine Ausnahme: Neun Kammern im ersten Stock sind historischen und künstlerisch wertvollen Büchern vorbehalten. Ihr Hüter ist Alt­abt Stephan Schröer.

Bücher transportieren Geschichte. Nicht nur durch ihren Inhalt, den Geist der Epoche, in der sie verfasst wurden. Sondern durch ihre Gestalt. Wer mag alles an der Entstehung beteiligt sein? Der Schriftsetzer, der Gerber, der das Leder für den Einband gefertigt hat, der Erstbesitzer. Wem gehörte es wohl im Verlauf der Jahrhunderte? In manchen Fällen konnte Altabt Stephan, der auch der Archivar der Abtei ist, die Geschichte der teils jahrhundertealten Bände rekonstruieren.

Zum Beispiel eine koptische Bibel. Heilige blicken unbewegt von brüchigem Leder in den Raum, ernste Gesichter aus vergangenen Jahrhunderten. Altabt Stephan zieht vorsichtig eine Rolle aus dem Regal, fremde Schriftzeichen einer alten Kultsprache auf brüchigem Leder – die Schriftrolle atmet förmlich den Geist alter Zeiten und fremder Länder.

Ein prächtiger, bunter Koran

Ein prächtiger, kleiner, bunter Koran wurde aus Afghanistan von einem Diplomaten mit nach Europa gebracht. Eine kommentierte Bibelausgabe in acht riesigen Bänden von 1562 stammt aus Paderborn. Eine Bibelkonkordanz, ein Verzeichnis wichtiger Wörter des Bibeltexts aus dem 17. Jahrhundert, war im Besitz der Abtei Metten. Später gehörte es einem Pfarrer aus Riekofen, landete dann in der Abtei Metten, später in St. Ottilien. Von da aus ging das Buch auf Missionsreise nach Tansania, dann Schweiklberg und kam schließlich nach Meschede. Steht alles in den Stempeln im Deckel. Andere Bücher sind zerfleddert, vom Rücken sind nur noch die Kordeln übrig, der Deckel hängt an einem Fetzen. Sie lagen auf irgendwelchen Dachböden, bis sie den Weg nach Königsmünster fanden. „An sich ist jedes Buch interessant“, sagt Altabt Stephan. Er studiert die Exlibris, die Eignerzeichen, die im Lauf der Zeit zu einer eigenen Kunstform wurden und von denen er inzwischen eine Sammlung hat, stellt Querverbindungen zwischen den Geschichten her, versucht, manche zu entziffern – nicht immer leicht bei den historischen Schriftbildern.

Mittelalterliche Choralnotation

Eine andere Sammlung umfasst Reste alter Handschriften, eine mittelalterliche Choralnotation mit fremdartigen Noten. „Als der Buchdruck aufkam, waren handgeschriebene Bücher schlagartig nichts mehr Wert“, erklärt er. Die fein verzierten Blätter riss man heraus und klebte sie in die Rücken der neuen, gedruckten Bücher ein. Manche konnte Altabt Stephan vorsichtig heraustrennen. Ein Buch aus der Barockzeit zum Beispiel, „als wir es bekamen, war es mit Handschriften und Tesafilm beklebt.“

Mit anderen Sammlern und Bücherfreunden tauscht er sich regelmäßig aus, gemeinsam schwelgen sie in der literarischen Vergangenheit. Jeder Liebhaber hat so seinen Tick, sagt er, Altabt Stephan selbst kam über die Kunst zu den Büchern. Weil Illustrationen und miniaturfeine Initiale, mit denen die Mönche des Mittelalters die Handschriften verzierten, eine eigene Kunstform sind.

Woher kommen die Bücher? Teils aus dem eigenen Haus, Mönche brachten sie bei der Gründung der Abtei mit; aus aufgelösten Pfarreien oder Klöstern, denen die Bewohner ausgehen.

Aus Schenkungen, Nachlässen; manche überlassen der Abtei wertvolle Stücke zur Aufbewahrung, weil sie im Kloster wertgeschätzt werden. „Bei uns werden sie mit großer Sorgfalt behandelt, anders als in einer Gebrauchsbibliothek“, sagt Altabt Stephan.

Katalogisiert sind die Werke nicht, aber nach Fachgebieten sortiert, der Schwerpunkt natürlich auf der Theologie: Gesangbücher, Bibeln und Bibelkommentare, Literatur, Nachschlagewerke, Lokalgeschichtliches. Das macht den Hauptteil der Arbeit des Altabtes aus: Einordnen. „Es hört nie auf.“ Wenn Altabt Stephan sich in seine Bücher vertieft, kennt er keine Uhr.