Beschwerden sorgen für Frust im Bestwiger Bürgerbus
17.08.2012 | 16:45 Uhr 2012-08-17T16:45:00+0200
Bestwig. Der erste Busfahrer ist es leid. Er will nicht mehr. Auch beim Vorstand des Bürgerbusvereins Bestwig wird der Frust größer. Denn schon wieder hat sich ein Taxi-Unternehmen beschwert. „In keiner anderen Kommune ist das Verhältnis zwischen Taxiunternehmen und dem Bürgerbusverein so angespannt wie in Bestwig“, sagt Michael Breier, Geschäftsführer des Bürgerbus-Verbundes Sauerland.
Und das soll passiert sein: Da sitzt ein gehbehinderter Fahrgast hinten im Bürgerbus und wendet sich an den Fahrer - mit der Bitte, ihn zwischen den Haltestellen vor der Haustür aussteigen zu lassen, um ihm den beschwerlichen Heimweg zu ersparen. Der Fahrer kommt dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit nach. Offiziell ist es zwar verboten, aber der Bürgerbusfahrer reagiert menschlich. Das wird von dem ein oder anderen Taxiunternehmer gar nicht gern gesehen. Bei der Bezirksregierung liegt eine Beschwerde vor. Sie prüft jetzt auch, ob ein Busfahrer seine Linie verlassen haben soll. Denn das ist ebenfalls untersagt.
„Seitdem der Bürgerbus 2009 zum ersten Mal durch die Gemeinde gerollt ist, gibt es diese permanenten Nadelstiche der Taxiunternehmen“, sagt Thomas Liedtke, stellvertretender Vorsitzender des Bestwiger Bürgerbusvereins.
Er und Michael Breier kennen die Argumente der Taxi-Unternehmer: „Sie glauben, dass wir ihnen Fahrgäste wegnehmen“, sagen sie und fügen hinzu: „Das ist aber völliger Quatsch.“
„Unsere Kunden sind keine Taxi-Kunden“, betont Breier. „Wir fahren viele Senioren, die mit Mühe und Not die 1,60 Euro für die Fahrt zusammenkratzen. Die steigen ganz bestimmt nicht in ein Taxi.“ Was hinzu kommt: „Genau wie im normalen öffentlichen Personennahverkehr fahren Menschen mit einem Schwerbehinderten-Ausweis kostenlos mit dem Bürgerbus“, sagt Liedtke. Er weiß: „Viele der Fahrgäste haben einen solchen Ausweis und nutzen ihn entsprechend“.
Es ist klar geregelt: Der Bürgerbus darf nur an den eigens eingerichteten Haltestellen halten. „Man muss aber auch sehen, dass wir hier Menschen fahren“, sagt Michael Breier. „Alte Menschen, die kaum laufen können und für die jeder Meter zu Fuß eine Qual sein kann.“
Liedtke stört, wie vage die Vorwürfe sind. Er wünsche sich, dass endlich Ross und Reiter genannt werden. „Ich halte mehr davon, wenn man miteinander spricht.“ Genau das sei aber nie geschehen. „Es gibt immer nur diese Beschwerden an die Bezirksregierung.“
Und wer hat sich nun beschwert? Der Verein weiß es nicht und kann nur mutmaßen. Die Bezirksregierung darf es nicht sagen. Kommt der Taxi-Unternehmer aus Bestwig? Kommt er von außerhalb? Christian Hegener war es nicht. „Die machen ihr Ding, ich mache mein Ding“, sagt der Inhaber des Bestwiger Taxi-Unternehmens. Helmut Hegener, Taxi-Unternehmer aus Ramsbeck, stand unserer Zeitung für eine Stellungnahme nicht zu Verfügung.
12:22
Bei soviel Individualverkehr ist es heute ohnehin nur schwer begreiflich, wie ein Taxi-Unternehmen überhaupt noch wirtschaftlich existieren kann. Schließlich ist der "öffentliche Nahverkehr" zu den Tageszeiten gut getacktet und auf einander abgestimmt, so daß in Phasen sehr hoher Benzin- und Dieselpreise jeder Individualist eine preiswerte Alternative in den Öffentlichen Verkehrsanbietern findet. Das Taxi wird erst sehr viel später in "Mobilitätsüberlegungen" einbezogen. Da Taxi-Tarife keine "Sozialkomponente" kennen, ist jeder "Vorteilsberichtigte" ein unerreichbarer Kunde für Taxi-Unternehmen. Da ist jedes Mobilitätsangebot mit "sozialverträglichen Fahrpreisen" an "besondere Bevölkerungsgruppen" eine Schwächung der Taxi-Zunft. Wir sind längst schon im "Raubtierkapitalismus" (Dank Friedrich Merz und Konsorten!) angekommen, so daß im "freien Wettbewerb" jedes Stückchen Menschlichkeit (= besondere Zusatzdienstleistung?) beanstandet wird. Armes Deutschland!