Auf der Reise zu meinem Ich, zu Fuß - ein Selbstversuch

Sauerland-Coach und Diplom-Psychologe Carsten Jäker (li.) geht mit Gästen in den Wald.
Sauerland-Coach und Diplom-Psychologe Carsten Jäker (li.) geht mit Gästen in den Wald.
Foto: Kai Kitschenberg/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Sauerland-Tourismus hat eine neue Produktlinie: Persönliche Trainer helfen, den Akku mit Lebensenergie aufzuladen - im Wald, beim Wandern, im Regen.

Iserlohn/Schmallenberg.. Nieselig. Nasskalt. Neblig. Die Reise zu meinem Ich fühlt sich draußen nicht gut an. „Im Sauerland ist Regen gefühlter flüssiger Sonnenschein“, sagt Carsten Jäker und blickt in ein erstauntes Gesicht. „Soso“, lautet die knappe Entgegnung. „Auf welcher esoterischen Wolke wollen wir denn durch den Wald reiten?“

Der Diplom-Psychologe zuckt zusammen, lacht und beruhigt: „Keine Angst. Wir heben nicht ab. Die Inhalte geben Sie vor.“ Glück gehabt. Die Stimmung ist nicht so, dass sie nach spirituellen Ausflügen schreit. Wirklich nicht. Und jetzt? Über was reden, das auch in der Zeitung stehen darf?

Der 42-Jährige aus Hemer unternimmt einen Versuch: „Wie war Ihre Kindheit?“ „Ach Gott. Nicht jetzt, nicht hier, lange her.“ Die Suche nach dem Gesprächsfaden nimmt ihren Lauf. „Wandern hilft dabei“, sagt der Psychologe, „man löst sich aus seiner starrren Rolle. Das fördert das Gespräch und entspannt.“ Zweifelsohne. Nach der ersten Viertelstunde sind wir mittendrin in der Arbeitsplatzbeschreibung. Vorweg: Schön ist es, während der Arbeitszeit im Wald zu laufen. Wer kann das schon? Nur, um einmal kurz Neid zu wecken. Alles ist natürlich nicht gut. Entwicklungen, die jeder am Arbeitsplatz kennt, erleichtern den Alltag nicht. Die Verdichtung der Arbeit, die Beschleunigung der Abläufe, die ständige Bereitschaft, erreichbar zu sein.

Unbefangener Gesprächspartner

„Woher kommt das Pflichtgefühl? Woher der Drang nach Leistung? Das Ringen um Aufmerksamkeit? Die Suche nach Bestätigung durch die Arbeit?“ Carsten Jäker hakt nach, lenkt das Gespräch und liefert Erklärungen. „Jeder sollte sich von Zeit zu Zeit selbst hinterfragen. Seine Rolle am Arbeitsplatz, in der Familie einmal aus der Distanz betrachten.“

Es tut gut, an der frischen Luft, mit einem Fremden über all das zu reden. Unbefangen und unvoreingenommen. Jäker hat den nötigen Abstand, bewertet Verhalten neutral. Und irgendwann landen wir wieder bei der Kindheit. Die Rolle in der Familie: einer von fünf Jungen, das drittälteste und drittjüngste Kind. Zwischendrin wechseln die Themen. Fußball läuft mit jedem Schritt besser, wechselt sich mit Erlebnissen von Wandertouren und dem Verhältnis Vater und Nachwuchs ab. Die Zeit verrinnt. Nebel verhüllt den Danzturm. Die Sicht ist gleich Null. Für Fußfleißige ein leichter Weg.

Zurück am Literaturhotel Franzosenhohl geht es um das große Ganze. Der Sauerland-Tourismus lädt mit diesem Angebot zum bewussten Ausstieg aus dem Alltag ein. Eine Auszeit, die Leib und Seele genießen sollen.

Sehnsucht nach Stille

Wissenschaftliche Studien haben längst nachgewiesen: Die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe, Stille und Ursprünglichkeit wächst mit jeder Stunde, in der sich die Welt schneller dreht. Und je schneller die Zeit im Beruf rast, desto mehr nimmt das Bedürfnis im Urlaub zu, sich persönlichen Anliegen zu widmen.

„Wir verabreichen Lebenshilfe in kleinen Dosen“, verspricht Thomas Weber, Geschäftsführer Sauerland-Tourismus. „Viele haben Angst, Weichen zu stellen und schieben die Sorgen vor sich her.“ Ein Netzwerk persönlicher Trainer soll beim Erleben der Natur helfen, Veränderungen anzustoßen.

Mein Ich lebt auf! Nieselig? Nasskalt? Neblig? Vergessen.