„Alle Optionen für Urenkel offen halten“

Forsteinrichter Ansgar Leonhardt und Stadtförster Siegfried Hunker
Forsteinrichter Ansgar Leonhardt und Stadtförster Siegfried Hunker
Foto: Katrin Clemens
Was wir bereits wissen
Forst-Experten kritisieren Reinbestände zum Schutz der Buchen im Schmallenberger Stadtwald. Sie plädieren stattdessen für Mischwälder.

Schmallenberg..  Gerade erst gab es eine große Inventur im Stadtwald. Im Interview erklären Stadtförster Siegfried Hunker und Forsteinrichter Ansgar Leonhardt, wie es dem Wald geht und warum sie ihn gerne anders schützen würden, als es vom Land vorgeschrieben wird.

Wie geht es dem Stadtwald?

Ansgar Leonhardt: Er ist sehr gut aufgestellt – trotz Kyrill und der anderen Stürme der vergangenen Jahre. Aus Sicht eines Forsteinrichters ist er ein hoch interessanter Betrieb. Er bringt Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktion hervorragend zusammen. Das zeigt sich an den vielen verschiedenen Baumarten und auch an den verschiedenen Altersklassen. Es gibt junge Bäume, aber auch über 200-jährige Buchen und Fichtenbestände, die älter als 120 Jahre sind.

Worin unterscheiden sich Ihre Aufgaben?

Siegfried Hunker: Ich bin der Bewirtschafter vor Ort, Herr Leonhardt hat quasi eine Inventur im Wald durchgeführt und einen Bewirtschaftungsplan für die kommenden zehn Jahre erstellt.

Leonhardt: Genau. Das Ziel der Forsteinrichtung ist es, die Nachhaltigkeit der Bewirtschaftung zu sichern. Aus der Inventur leiten wir Wirtschaftsfaktoren ab, zum Beispiel wie viel Holz in den kommenden Jahren geschlagen werden kann. Unser Vorteil ist, dass wir viele verschiedene Wälder im ganzen Land kennen und so den Austausch zwischen den Förstern fördern können.

Hunker: Das ist für mich als Einzelkämpfer auf dieser Fläche auch wichtig. So bekomme ich neue Ideen.

Nach welchem Konzept bewirtschaften Sie den Stadtwald?

Hunker: Wir wirtschaften so, dass auch die nächsten Generationen noch Erträge aus dem Wald ziehen können. Wir durchforsten relativ stark, damit Licht auf den Boden kommt und die Einzelstämme gefördert werden. So bekommen wir Stabilität und Struktur in den Wald und erhöhen die Betriebssicherheit, auch gegen Stürme und Schneebruch. Denn unsere Einnahmen kommen natürlich auch der Stadtkasse und damit den Bürgern zu Gute.

Leonhardt: Als Einrichter merke ich relativ schnell, ob ein Wald kontinuierlich bewirtschaftet wird – und das ist hier der Fall. Es muss eine langfristige Perspektive da sein, deshalb halte ich es auch für gut, dass Herr Hunker schon seit 21 Jahren für den Stadtwald zuständig ist.

Welche Rolle spielt der Naturschutz für Ihre Arbeit?

Hunker: Der komplette Stadtwald ist Landschaftsschutzgebiet. Und dann haben wir 820 Hektar, die gleichzeitig als Naturschutzgebiet und als FFH-Flächen ausgewiesen sind.

FFH steht für „Flora Fauna Habitat“ – was steckt dahinter?

Leonhardt: Im Bereich des Stadtwaldes dient die Ausweisung vor allem dem Schutz der Buchenwälder.

Was bedeutet das in der Praxis?

Hunker: In den FFH-Gebieten stehen auch noch Nadelhölzer, aber aktiv darf ich nur noch die Buchen fördern. So sollen nach und nach die Nadelhölzer dort verschwinden. Das ist aber ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinziehen wird. Die Frage ist, wie nachfolgende Generationen damit umgehen werden angesichts der steigenden Rohstoff-Knappheit.

Das Konzept wird Ihnen vom Land vorgeschrieben – was halten Sie davon?

Leonhardt: Aus meiner Sicht werden die Klimaveränderungen dabei zu wenig beachtet und auch die Tatsache, dass die verschiedenen Baumarten immer wieder von Krankheiten befallen werden. Nur auf eine Baumart zu setzen ist sehr gewagt. Momentan gibt es einfach keine Baumart in NRW, von der man ganz genau weiß, dass sie für die nächsten 100 Jahre sicher ist. Sollte die eine Art, auf die man setzt, irgendwann aussterben, hätte das katastrophale Folgen.

Welches Konzept würden sie durchsetzen, wenn Sie selbst entscheiden dürften?

Hunker: Ich würde eine gesunde Mischung aus Laub- und Nadelholz vorschlagen. So könnten wir alle Optionen für unsere Urenkel offen halten. Unsere Aufgabe ist es, die Betriebssicherheit zu sichern und Verantwortung für die nachkommenden Generationen zu tragen. Ich bin weder gegen Naturschutz noch gegen Buchen. Wir sind der Meinung, dass es auch anders geht – eben mit Mischbeständen.