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Organspenden

Solidarität mit Schwerstkranken

30.01.2012 | 23:30 Uhr
Solidarität mit Schwerstkranken
Organspender können Leben retten helfen. Foto: Jakob Studnar/dapd

Lüdenscheid. In Deutschland könnten jährlich 1000 Menschenleben gerettet werden, wenn Spenderorgane zur Verfügung stünden. „Organspende rettet Leben“ ist Thema der Diskussionsveranstaltung, zu der die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Crone Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. theol.h.c. Eckhard Nagel heute nach Lüdenscheid eingeladen hat. Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende am Universitätsklinikum Essen, Mitglied des Deutschen Ethikrates, hat der WR ein Interview gegeben.


Sterben ist ein Tabuthema. Organspende auch?

Ich habe bei der Bevölkerung eher den Eindruck, dass sie mehr und mehr bereit ist, sich mit den Themen Sterben und Tod und damit verbunden auch mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. Meiner Meinung nach muss sich eine Gesellschaft, in der bis zu drei Personen täglich sterben, weil Organspenden nicht realisiert werden, als Solidargemeinschaft auch fragen lassen, was sie dafür tut, um diesen schwerstkranken Menschen beizustehen. Wichtig ist in dieser Diskussion jedoch, dass es wirklich gute, unabhängige Informationen gibt und wir eine Kultur des Vertrauens schaffen.

Woran liegt es, dass die in Umfragen erkennbare hohe Bereitschaft zur Organspende nicht zu deutlich höheren Spenderausweiszahlen führt?

Die genaue Anzahl der Ausweisträger lässt sich nicht ermitteln. Wir wissen aber aus Umfragen, dass mehr als 80 Prozent der Menschen in Deutschland die Organspende im Allgemeinen befürworten. Zwei Drittel erklären sich grundsätzlich bereit, selbst Organspender zu sein. Allerdings zeigen diese repräsentativen Umfragen auch, dass die Zahl derer, die einen Organspende Ausweis bei sich tragen nicht über zehn Prozent liegt. Dies liegt zum einen daran, dass die Hälfte aller Befragten sich eher schlecht über das Thema Organ- und Gewebespende informiert fühlte. Zum anderen ist die Sorge im Hinblick auf den persönlichen Tod mit ausschlaggebend für die Nichtbeschäftigung mit diesem Thema.

Welche Rolle spielt die Religion bei der Entscheidung pro oder contra Spenderausweis?

Sicherlich prägen die jeweiligen Religionen maßgeblich das Verständnis von Tod bzw. des Sterbeprozesses. So ist zum Beispiel im Shintoismus die Integrität und Reinheit des Körpers von übergeordneter Bedeutung und soll über den Tod hinaus bewahrt bleiben, da nur ein unversehrter Leichnam die Wiedergeburt der Seele ermöglicht. Islamische Gelehrte hingegen behandeln in ihren Rechtsgutachten zum Thema Organtransplantation die gottfällige Haltung, ein Menschenleben zu retten, mit oberster Priorität. Die Organtransplantation von einer oder einem Toten sei nicht gleichbedeutend mit Respektlosigkeit gegenüber der oder dem Toten, ferner sei Organ- und Gewebespende ein Zeichen von Mitgefühl. Auch die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sprechen sich mehrheitlich für Organspenden aus. Bereits im Jahr 1990 haben die katholische Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine gemeinsame Erklärung zur Organtransplantation herausgegeben und die Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997 begrüßt und nochmals betont, dass die Organspende ein Akt der Nächstenliebe sein kann.

Dies zeigt, dass durchaus religiöse, aber ebenso kulturelle und soziale Faktoren bei der Entscheidung für oder gegen eine Organspende eine Rolle spielen und auch in der Diskussion um das Thema Organspende Berücksichtigung finden müssen.

Welche Rolle spielen das Alter und der persönliche Gesundheitszustand bei der Entscheidung?

Menschen, die selbst krank sind, eine schwere Lebensphase durchlebt oder eine ihnen nahestehende Person in Zeiten schwerer Krankheit begleitet haben, sind sicherlich eher sensibilisiert für das Thema Tod und Sterben bzw. haben sich damit bereits auseinander setzen müssen. Solch tiefgreifenden Erlebnisse setzen oftmals ein Umdenken in Gang. Auch bestehende Werte können sich verschieben. Persönliche Lebensumstände haben immer einen besonderen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen eine Organspende ausgegangen werden kann. Es gibt aber keine Altersbegrenzung bei der Möglichkeit Organe zu spenden. Ausgeschlossen sein muss aber eine schwerwiegende Erkrankung z.B. eine Krebs- oder Infektionserkrankung, die ansonsten durch die Transplantation auf den Empfänger mit übertragen würde.

Welche Ansätze sehen Sie, das Thema gerade Jugendlichen näher zu bringen?

Bei jungen Menschen erlebe ich generell, dass sie dem Thema der Organspende gegenüber sehr offen sind. Dies erlebe nicht nur bei den Studierenden an der Universität, sondern auch bei Schülerinnen und Schülern oder zum Beispiel in Sportvereinen. Wichtig ist aber, dass man das Thema verständlich und nachvollziehbar erläutert. Denn aus dem spontanen Gefühl der Jugendlichen anderen helfen zu wollen dürfen wir nicht ableiten, dass ihre Entscheidung keine inhaltliche Begründung braucht. Insofern ist die Verankerung des Themas zum Beispiel im Lehrplan der Schulen, bei Veranstaltungen zum Gesundheitsverhalten oder auch über die Möglichkeiten der modernen Medizin von hoher Wichtigkeit.

Kann Organspende auch Kinderleben retten?

Selbstverständlich. Noch 1982 glaubte man, dass Kinder nicht durch eine Transplantation behandelt werden könnten, weil die Nebenwirkungen der Medikamente gefürchtet wurden. So war die erste Kindernierentransplantation 1983 durch Rudolf Pichlmayr in Hannover ein echtes Wagnis. Der phänomenale Erfolg dieser Transplantation, die das Leben des Jungen rettete, hat schnell dazu geführt, viele weitere Transplantationen zu ermöglichen. Heute gilt auch bei Kindern keine Altersgrenze mehr. Schon im ersten Lebensjahr kann zum Beispiel durch eine Leberteiltransplantation ein Kind gerettet werden, dass mit einer Lebererkrankung geboren wurde.

Können Kinder Organe spenden?

Sicher können Sie Organe spenden. Aber nur im Rahmen der tragischen Situation des eigenen Todes. Insofern kommen Kinder dankenswerterweise nur sehr selten als Organspender in Frage. Die Lebensspende sollte bei Kindern generell sowohl aus medizinischen wie auch ethischen Überlegungen nicht durchgeführt werden.

Seit wann haben Sie einen Spenderausweis?

Seit dem ich im Rahmen meiner eigenen Ausbildung eine Vorlesung über die Transplantationschirurgie gehört habe (1983).

Finden Sie auch, dass der Ausweis wertiger aussehen sollte als das Stück Pappe, das es heute ist?

Ich glaube, dass es keinen wesentlichen Unterschied macht, wie ein Organspendeausweis aussieht. Zugegebenermaßen finde ich die heutigen Vordrucke optisch nicht sehr ansprechend. Das könnte man aber auch über den Personalausweis sagen. Insofern geht es wirklich darum, Situationen zu schaffen, in denen man sich bewusst mit dem Thema auseinandersetzt und dann eine selbstverantwortete Entscheidung trifft. Wer überzeugt ist von seiner Meinung, der nutzt auch die jetzigen Formulare und vielleicht in Zukunft die elektronische Gesundheitskarte.

Wer kann dabei helfen, die Bereitschaft zur Spende zu erhöhen? Braucht das Thema mehr Werbung?

Zwar sind die Krankenkassen heute schon gesetzlich dazu verpflichtet, über den Bereich der Organspende zu unterrichten, aber hier gibt es deutliche Defizite.Insofern braucht es aus meiner Sicht zu allererst mehr Information. Diese muss aber zielgerichtet erfolgen. Und sie sollte Handlungen ermöglichen. Deswegen unterstütze ich mit Nachdruck die Initiative des deutschen Bundestages über eine Pflicht zur persönlichen Entscheidung zur Organspende zu diskutieren und das Transplantationsgesetzt weiterzuentwickeln. Ich hoffe sehr, dass die Vorschläge hierzu, die besonders der SPD-Fraktionsvorsitzende FrankWalter Steinmeier gemacht hat, mehrheitlich im Parlament mitgetragen werden. Dies würde die Situation der Organspende in vielerlei Hinsicht nachhaltig in unserem Land verbessern.

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2012-01-30 23:30
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