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Hunswinkel

Ein Ort wie aus einem Albtraum

24.08.2010 | 18:06 Uhr
Ein Ort wie aus einem Albtraum
An der Versetalsperre entstand vor 70 Jahren das erste Arbeitserziehungslager. In Hunswinkel starben über 500 Menschen. Eine Gedenktafel erinnert an die Opfer.

Lüdenscheid. Die Versetalsperre ist heute ein idyllisches Fleckchen. Klares Wasser, grüne Wälder und eine himmlische Ruhe. Vor 70 Jahren dagegen war dieser Ort für viele Menschen der schlimmste Albtraum: Hier entstand das erste Arbeitserziehungslager Deutschlands – in Hunswinkel. Es lag auf dem Grund der heutigen Versetalsperre.

Mit dem Bau der Talsperre wurde schon 1929 begonnen. Federführend war die Firma Hochtief. Die errichtete auch 1932 ein Lager für „Arbeitskräfte des freiwilligen Arbeitsdienstes“. 1938 wurde es vom Reicharbeitsdienst übernommen. Damals war es für 100 Personen ausgelegt – für Deutsche und Ausländer, die „diszipliniert“ werden sollten. Sechs Wochen dauerte der Dienst mit zwölf Stunden Arbeit und Misshandlungen.

Ende August 1940 wurde aus dem Reichsarbeitsdienstlager ein Arbeitserziehungslager (AEL), das der Gestapo unterstellt war.

„Die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse für die Insassen sind im allgemeinen härter als in einem Konzentrationslager. Dies ist notwendig, um den gewünschten Zweck zu erreichen“, stand in Gestapo-Akten.

Ab Mai 1942 wurden überwiegen sowjetische Zwangsarbeiter eingewiesen.

5000 bis 6000 Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen litten unsägliche Qualen in dem Lager, mindestens 550 überlebten Hunswinkel nicht – vermutlich waren es aber mehr.

Auf der Flucht
erschossen

Noch heute existieren eine Reihe von Namen und Daten:

Am 8. Mai 1943 wurde der 23-jährige Alexsey Antony aus Rostow in Russland auf der Flucht erschossen.

Am 15. April 1945 starb der 45-jährige Wilhelm Bossinger aus Köln an Flecktyphus.

Am 24. September 1943 wurde der 21-Jährige Wassilij Dani aus Maripol erschossen.

Am 4. September 1942 wurde der 18-Jährige Boris Judin auf der Flucht durch einen Kopfschuss getötet.

Am 10. Oktober 1943 setzte die 15-Jährige Marija Iwanowna Mischtujma durch Selbstmord ihrem Leben ein Ende.

Am 11. Februar 1944 starb der 20-Jährige Iwan Ponamarwo an einer Kreislaufstörung nach Erhängen. Er wurde hingerichtet.

„Auf der Flucht erschossen“, Tuberkulose, Herzschwäche, Lungenentzündung, Hinrichtung – mit deutscher Gründlichkeit wurden die Todesursachen niedergeschrieben.

Weiter heißt es: „In Hunswinkel arbeiteten die Gefangenen hauptsächlich in den Kalksteinbrüchen im Versetal. Mit Spitzhacken lösten sie Steine aus dem Feld und schaufelten sie in Feldbahnloren. Teilweise mussten die Felsbrocken mit bloßen Händen verladen werden.“

Das Lager Hunswinkel wurde ab 1942 auch für „Sonderbehandlungen“ der Gestapo genutzt. Zwischen 100 und 350 Menschen wurden hier exekutiert. Kurz vor Kriegsende wurden noch 14 sowjetische Häftlinge aus Dortmund hingerichtet. Ein Lüdenscheider Arzt, der die Morde vertuschte, bekam später dafür Berufsverbot.

Am 11. April 1945 wurde das Lager von amerikanischen Soldaten befreit.

Die Friedensgruppe Lüdenscheid weist am Samstag, 4. September, mit einer Mahnwache auf dem Rathausplatz auf die heutigen Kriege hin – und erinnert am Sonntag, 5. September, um 11 Uhr auf dem Friedhof Hühnersiepen an die Opfer des Lagers Hunswinkel.

Susanne Illhardt

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