„Wir sind doch keine Kinder“

Eine Unterstation der Stadtwerke Goch am Kartenspielerweg.
Eine Unterstation der Stadtwerke Goch am Kartenspielerweg.
Foto: Andreas Gebbink
Was wir bereits wissen
Der Schutz des Trinkwassers wird im Zusammenhang mit der möglichen Errichtung eines Windparks im Reichswald sehr kontrovers diskutiert. Im NRZ-Gespräch entladen sich die aufgestauten Emotionen.

Kleve/Kranenburg..  Im zweiten Teil unserer Serie zum Windpark im Reichswald geht es um das sensible Thema Gewässerschutz und Bodendenkmäler.

NRZ: Ich möchte gerne auf das Thema Gewässerschutz zu sprechen kommen. Auch da gab es eine Menge Kritik bezüglich des Windparks.

Hannah van der Valk: Hier befinden sich festgesetzte Trinkwasserschutzbereiche. Es mag sein, dass beim Bau der Anlagen Wannen eingebaut werden, die austretende Schmiermittel auffangen. Aber wer kontrolliert die Baustellenfahrzeuge, die Öl verlieren? Wer kontrolliert in der Ausführung andere Verschmutzungen? Wir befinden uns hier in einem wichtigen Trinkwasserschutzgebiet. Und das in einer Zeit, in der bekannt ist, dass unser Trinkwasser durch Nitrat schon stark vorbelastet ist.

Hubert Zillig: Ich zitiere mal aus der Fortschreibung des Regionalplanes vom 23. Juni: „Von besonderer Bedeutung für diesen Raum sind auch die Bereiche für den Grundwasser- und Gewässerschutz des Reichswaldes.“

Günter Steins: Wir sind uns vollkommen einig: Für uns hat der Schutz des Grundwassers oberste Priorität. Da gibt es keine Sowohl-als-auch-Lösung. Die Wasserschutzzonen werden um die Brunnen gezogen. Ein Windrad darf nicht in direkter Umgebung errichtet werden.

Jetzt kann man sagen, ein Windkraft gefährdet das Grundwasser. Da kann ja etwas auslaufen. Da gebe ich Ihnen auch Recht. Aber die Frage ist, was läuft da raus, wie lange braucht es, um es biologisch abzubauen und aus welcher Tiefe wird das Wasser geschöpft und in welche Richtung fließt das Grundwasser. Dafür braucht man hydrologische Gutachten. Ich weiß nicht wo die Sperrschichten sind, ich bin da Laie, wie Sie auch. Ich weiß, dass aus 100 Meter Tiefe gefördert wird und dass das Wasser da nicht so eben hinkommt.

Weil das so wichtig ist und die Stadtwerke Goch mit dem Gutachten nicht einverstanden sind, haben diese ein Zweitgutachten in Auftrag gegeben. Das begrüße ich.

Hannah van der Valk: Was wäre denn gewesen, wenn die Stadtwerke Goch sich nicht dazu entschieden hätten? Wir können als Bürger nicht bei zehn unterschiedlichen Themen jeweils ein Gegengutachten in Auftrag geben.

NRZ: Die Untere Wasserbehörde sagt, dass das Risiko einer Grundwassergefährdung am Brunnen Scheidal sehr hoch. ist.

Günter Steins: Auf Risiken hinzuweisen ist doch die Aufgabe der Unteren Wasserbehörde. Die werden erst einmal eine hohe Risikoeinschätzung vornehmen, haben aber keine Grundlage. Das heißt, die nehmen an, dass das Risiko hoch ist, nun weist uns mal nach, dass dem nicht so ist. Die Behörde möchte, dass wir an dieser Stelle ein großes Augenmerk darauf richten. Da würde ich als Gemeinde auch kein Risiko eingehen. Ich würde mich nie in die Öffentlichkeit stellen und eine Gewässerverunreinigung verteidigen wollen.

John Tampoebolon: Aber das ist doch das, was passiert.

Günter Steins: Das sagen Sie jetzt einfach. Aber beschäftigen Sie sich doch mal mit den Gutachten.

Joachim Janßen: Uns wird ständig vorgeworfen, dass die Dinge, die in den Gutachten stehen, alle nicht zutreffen. Sondern da hat irgendjemand das Wissen für sich gepachtet. Sie sagen jetzt, das Grundwasser wird geschädigt. Da bekomme ich so einen Hals, ganz ehrlich. Wir werden als Ratsmitglieder diskreditiert. Dass wir wirklich ohne jegliches Wissen, ohne jegliche Verantwortung für die Bürger in Kranenburg oder in den umliegenden Gemeinden solche Entscheidungen treffen. Wir verlassen uns erst einmal grundsätzlich auf diese Gutachten, die im Raum stehen. Wir verlassen uns auch darauf, dass reagiert wird, wenn es kritische Punkte gibt. Wenn wir jetzt ein Gegengutachten erhalten, dass sagt, das es dort nicht machbar ist, dann wären wir die Letzten, die das nicht durchsetzen. Ich finde es sehr problematisch, wenn man uns immer Unredlichkeit unterstellt.

Ihre Unterstellungen gehen unter die Gürtellinie.

Hubert Zillig: Auch wir müssen uns einiges anhören. Mir stinkt es auch ganz gewaltig, dass jeder Kommentar in einem Wochenblättchen mit uns in Verbindung gebracht wird. Dem ist nicht so. Das sind Leute, die mit uns nichts zu tun haben. Nicht nur ein Ratsmitglied sitzt hier und sagt: Verdammt ich kriege ständig einen Tritt in den Hintern. Auch wir Mitglieder der Bürgerinitiative müssen uns einiges anhören.

Günter Steins: Das kann ich verstehen. In der Presse bin ich der Bürgermeister, der seinen Windpark will. Ich erinnere daran, dass es einen Ratsbeschluss mit zwei Gegenstimmen gibt. Diesen muss ich umsetzen. Mein Bestreben ist, den ganzen Prozess so sachbezogen wie irgend möglich zu moderieren. Bisher haben wir es einigermaßen gut hinbekommen. Wir wissen alle, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Aber entscheidend ist doch, wie geht man damit um.

Andreas Mayer: Der Umgang miteinander ist eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt ein Gespräch zustande zu kriegen. Wir sollten einander unterstellen, dass alle das Gute wollen.

Jeroen Boot: Es ist schwer, nicht emotional zu werden, wenn eine Gemeinde, die eigentlich im Interesse der Bürger handeln sollte, einen Plan hat, der nicht dem Bürgerwillen entspricht. Dann fällt es schwer darauf zu vertrauen, dass die richtigen Abwägungen getroffen werden.

Andreas Mayer: Versuchen Sie uns zu vertrauen.

Jeroen Boot: Das versuchen wir. Aber es ist schwer. Ihr habt ein Ziel, Windräder zu bauen für den Klimaschutz. Aber es hört sich so an, dass deswegen alle anderen Belange kaum noch gehört werden.

John Tampoebolon: Wir sind doch keine Kinder. Wir können uns ruhig die Meinung sagen. Wir wollen, dass der Reichswald geschützt wird, weil er kulturhistorisch und ökologisch sehr wertvoll ist.

Bärbel Ketelaer: Ich denke, wir sind in vielen Fragen einig. Am Schutz des Reichswaldes ist uns allen gelegen.

Günter Steins: Es ist eine Frage der Kommunikation. Wenn Sie sagen: Wir wollen das Grundwasser schützen, dann bin ich sofort bei Ihnen. Wenn Sie aber behaupten: Das Grundwasser wird durch die Windkraftanlagen verseucht, dann stellen Sie etwas fest, was Sie gar nicht beweisen können. Ich könnte Ihnen sofort zehn Argumente nennen, die Sie benutzen und gar nicht beweisen können. Dass Sie Sorge haben, nehme ich Ihnen ab, aber wenn Sie behaupten, dass ihre Sorge begründet ist, ohne den Nachweis zu führen, dann erzeugen Sie in der Öffentlichkeit Ängste. Und diffuse Ängste sind keine gute Diskussionsgrundlage.

John Tampoebolon: Wir unterhalten natürlich auch Kontakt mit vielen anderen Bürgerinitiativen. Und die Erfahrung zeigt, dass die Diskussion genau so beginnt wie hier in Kranenburg und am Ende ist es doch schief gegangen. Ihre Gutachter sagen, dass alles in Ordnung ist und am Ende wir doch alles zerstört.

NRZ: Wie geht die Politik mit den kritischen Eingaben um? Führt das nicht zur Überlegung, dass ein Windpark doch nicht eine so gute Idee ist?

Joachim Janßen: Das ist ein Abwägungsprozess. Und dieser wird von allen Fraktionen sehr ernst genommen. Man hat auch eine Zielsetzung und man muss gewisse Argumente dann auch hintanstellen. Wenn aber Argumente ins Spiel gebracht werden, wie die Beeinträchtigung des Grundwassers, dann muss man darauf eingehen.

Günter Steins: Wir müssen die Bedenken objektiv mit Gutachten ausräumen. Das gehört zum Abwägungsprozess. Das gilt etwa für den Schutz von Bodendenkmälern oder die Vorkommen von Vogelnestern. Wir müssen hier sachlich bleiben und ohne Emotionen diskutieren.

Hannah van der Valk: Da möchte ich gerne einhaken. Das LVR Bodenamt für Denkmalpflege hat für Bodenschätze genau so eine Untersuchung für Bodendenkmäler im Bebauungsplanverfahren angeordnet. Im Internet liest man dann in einer Stellungnahme von AboWind, dass so eine Suchaktion nicht gemacht wird. Die Belange des Denkmalschutzes werden geringer geachtet als der Klimaschutz. Und schon ist ein Kriterium beiseite geschoben.

Günter Steins: Im FNP-Verfahren gibt es eine gerechte Abwägung. Sie sehen das anders, dass kann ich auch verstehen. Aber es ist eine gerechte Abwägung.

Hannah van der Valk: Das ist ja schön und gut. Aber jetzt sind die Unterlagen für den Bauantrag da und jetzt liest man schwarz auf weiß, dass die angeordnete Suchaktion nach Bodendenkmälern nicht durchgeführt wird.

Günter Steins: Ich kenne jetzt den bestimmten Fall nicht. Ob es um einen einzelnen Standort geht oder generell.

Hannah van der Valk: Generell. Und wenn ich so etwas lese, kommen gehörige Zweifel auf.