„Wir glaubten es dauert nicht lange“

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Goch..  Bürgerkriege und gewaltsame ethnische Auseinandersetzungen überall in der Welt haben insbesondere das vergangene Jahr geprägt. Millionen Menschen sind auf der Flucht, laufen nicht selten schlicht um ihr Leben. „Wir wollten gar nicht da sein, wo wir gerade waren. Uns ging es gut zu Hause, wir waren dort glücklich.“ Mit diesen Worten erinnert sich Anita Dadic an die wohl einschneidendste Phase ihres Lebens. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer damals neunjährigen Schwester flüchtete die 14-Jährige im April 1992 aus ihrer bosnischen Heimat. Ihr Vater blieb zunächst zurück in Bosanski Samac an der Grenze zu Kroatien.

Dabei war alles ganz anders gedacht gewesen. Man habe doch nur die in Düsseldorf lebenden Verwandten besuchen wollen, als der Krieg ausbrach. „Wir konnten plötzlich nicht mehr zurück nach Hause“, erinnert sich die heute 37-Jährige, „kamen zunächst bei den Verwandten unter.“ Sie hatten geglaubt, dass es wohl nicht lange dauern würde. Ein Irrtum, der ihr ganzes Leben verändert hat.

Zur Erinnerung: Infolge des beginnenden Zerfalls der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien sowie der damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen besonders in Kroatien waren in den Jahren 1990 und 1991 die Spannungen zwischen den Ethnien in Bosnien und Herzegowina gewachsen. Unter dem Begriff Bosnienkrieg fasst man heute den Krieg in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 zusammen. Erst mit dem Vertrag von Dayton 1995 wurde der Kriegszustand offiziell für beendet erklärt. Die internationale militärische und zivile Kontrolle des Landes hält allerdings bis heute an.

Was sich liest wie ein Eintrag in die Geschichtsbücher, bedeutete für Anita Dadic und ihre Familie den Verlust ihrer Heimat. „Wir haben zwar unmittelbar nichts Schlimmes erlebt, aber wir waren plötzlich allein in einer fremden Welt mit einer fremden Sprache.“ Und von zu Hause ist nichts geblieben.

Keine Geburtstagsurkunde

„Man nimmt nichts mit“, sagt Anita Dadic. „Ich habe nur noch ein paar Fotos, keine Geburtsurkunde, keine alten Schulzeugnisse, unsere Identität war einfach verschwunden.“

Hinzu kam die psychische Belastung. Der Vater schaffte es erst im Mai nach Deutschland. Die Mutter habe immer nur wieder nach Hause gewollt. „Ich bin quasi über Nacht erwachsen geworden“, beschreibt es Dadic. Als die Familie dann eine kleine Wohnung in Goch zugewiesen bekam, kehrte allmählich so etwas wie Normalität zurück. „Wir haben einfach gehofft, dass der Krieg schnell vorüber geht und wir zurück können.“

Aber die Eltern, in Deutschland zunächst nur geduldet, durften nicht arbeiten. Und später fanden die beiden gut qualifizierten Kräfte (Musikprofessor und Sprachlehrerin) keine Stelle in ihren Berufen, arbeiteten als Putzhilfe und auf dem Bau. Die Mädchen gingen in Goch zur Schule. „Meine Eltern wollten sich ein neues Leben aufbauen“, sagt Anita Dadic.

1998 dann wurde die Aufenthaltsgenehmigung für die Familie nicht verlängert. Man stellte sie vor die Wahl ‘freiwillig’ nach Bosnien zurück zu kehren, auf jeden Fall aber sollten sie das Land verlassen. Während Anita Dadic mit ihrem Mann in Goch blieb, leben Eltern und Schwester heute in den USA. „Als sie gingen, habe ich erneut meine Heimat verloren“, erzählt sie von der schmerzhaften Trennung. Bis heute leidet die zierliche Mutter eines kleinen Sohnes unter Panikattacken. „Ich konnte mir das lange nicht erklären“, sagt sie. Ein Psychologe half ihr, bezeichnete sie als Kriegsopfer. „So fühlte ich mich gar nicht. Ich war doch einfach zur richtigen Zeit nicht in Bosnien und bin dankbar für das, was ich hier an Freundschaft und Hilfe erfahren habe.“ Erst allmählich hat sie akzeptiert, dass der Krieg ihr fast alles genommen hatte.

Nach Hause ist Anita Dadic übrigens nur ein einziges Mal zurück gekehrt. „Mein Vater wollte sehen, was aus unserem Haus geworden ist.“ Dort, wo es einmal gestanden hat, gibt es heute eine Poststelle. An die Familie Dadic erinnert in der Straße nichts mehr.