Wichtiges Dickicht am Waldsaum

Die Mönchsgrasmücken-Kinder verstecken sich einzeln in der Nähe des Nestes, wenn eine Gefahr droht.
Die Mönchsgrasmücken-Kinder verstecken sich einzeln in der Nähe des Nestes, wenn eine Gefahr droht.
Foto: Dietrich Cerff NRZ
Was wir bereits wissen
Monotoner Waldrand vermindert die Artenvielfalt. Mönchsgrasmücken nisten kaum einen Meter hoch im Brombeergebüsch

Kranenburg..  Vor ungefähr sechs Wochen waren die Bäume und Büsche noch ganz überwiegend kahl. Im Mai sind jetzt überall neue Triebe entstanden und aus den Knospen sind Blüten und Blätter gewachsen. Der Wald hat ein hellgrünes Laubgewand angelegt und die Hecken sind mit neuen Zweigen, Blüten und Blättern ein schier undurchdringbares Dickicht geworden. An den naturnahen Waldrändern hat sich ein dichter Saum aus einem Blätterdach gebildet, das am Waldrand von Gebüschen und hoch aufwachsenen Kräutern und Gräsern geschlossen wird.

In all diesen „Stockwerken“ finden Tiere zurzeit reichlich Nahrung, Unterschlupf und Nistmöglichkeiten. So ist es kein Zufall, sondern perfekt abgestimmtes Timing, dass gerade in diesen Wochen so viele Vögel ihre Jungen groß ziehen und füttern. Erstens sind die Nester jetzt bestens verborgen und zweitens ist das Nahrungsangebot optimal. Viele Raupen sind geschlüpft und fressen an den jungen Blättern.

Für die meisten unserer Singvögel stellen damit auch die Raupen die Hauptnahrung für die Jungvögel dar. Unermüdlich werden Zweige, Äste und Gestrüpp nach Essbarem abgesucht. Spinnen, Käfer- und Wanzenlarven, Puppen und Raupen von Kleinschmetterlingen – alles, was so kreucht und fleucht, wird untersucht und gegebenenfalls verfüttert. Die Vögel sorgen somit im Wald, in der Feldflur und auch in unseren Parks und Gärten dafür, dass die übergroß erscheinende Anzahl der Insekten und wirbellosen Tiere insgesamt nicht ins Unermessliche ansteigt.

Andererseits sind unsere heimischen Singvögel auch auf ein großes und ausreichendes Nahrungsangebot angewiesen. Denn nur so sind sie in der Lage, ihren Nachwuchs fit für die Herausforderungen ihres Lebens zu machen. Das ist in unserer Zeit nicht einfach.

Viele Waldränder sind nicht mehr naturnah und zeigen kaum noch den stufigen Aufbau mit mehreren Stockwerken. Vielfach grenzt schon ein fester Weg an den Wald ab, es fehlt an Säumen aus Gebüsch, Licht liebenden Waldrandgehölzen wie Birke, Weide, Eberesche. Und wer nach breiten Säumen aus blütenreichen Kräutern, Gräsern und Beeren tragenden Kleingehölzen sucht, wird nicht oft fündig. Auch die angrenzenden Felder sind oft nicht sehr abwechlungsreich. Monotonie vermindert die Artenvielfalt.

Viele anpassungsfähige Arten kommen damit aber immer noch klar. So ist auch bei uns beispielsweise die Mönchsgrasmücke noch immer oft zur hören. Aber auch „der Mönch“ muss sich sputen. Das schüttere Nest, oft kaum einen Meter hoch im Brombeergestrüpp gebaut, soll nicht allzu lange als Kinderstube dienen. Zu groß ist die Gefahr, dass Fuchs, Katze oder Eichelhäher die eifrig fütternden Eltern erspähen – und das Nest finden. Für diesen Fall haben die jungen Mönchsgrasmücken eine wirkungsvolle Taktik entwickelt: Bei der leisesten Erschütterung des Nestrandes, der nicht von den Elternvögeln verursacht wird, stieben sie auseinander und verstecken sich in der nestnahen Umgebung. So werden nur selten alle fünf Jungvögel Opfer von Nesträubern. Geht den Elternvögeln dennoch einmal ein Gelege verloren, haben sie immer noch die Chance zu einem Nachgelege.

Die ökologische Bedeutung des Nachgeleges ist aber deutlich geringer als die der ersten Brut. Und das hat viele Gründe. Meistens legen die Eltern dann schon nicht mehr so viele Eier, so dass die Anzahl der Nachkommen geringer ist. Zweitens ist das Nahrungsangebot nicht mehr so gut wie zu Beginn der Brutzeit, die eben „optimal“ ist.

Drittens steht den Jungvögeln weniger Zeit zur Verfügung, sich selbst mit dem Lebensraum vertraut zu machen und sich die nötigen Energiereserven für den Zug ins Winterquartier anzufressen.

Blätterdach voll Lücken

Und viertens wird auch das Blätterdach mit jedem Tag lückiger. Die vielen Raupen der Schmetterlinge und Käfer fressen eifrig Tag für Tag an der Vegetation. So ist es nicht mehr so leicht, ein Nest zu verstecken oder für die Jungvögel Deckung zu finden.

Da auch die Beutegreifer für Nachwuchs gesorgt haben, hat sich auch die Anzahl der Fressfeinde vermehrt. Auch das verringert die Überlebenschancen der spät geborenen Singvogelkinder. Und doch können wir recht sicher sein, dass wir auch im nächsten Mai den flötenden Gesang der Mönchsgrasmücke an allen lichten Waldrändern, Gärten und Hecken hören können.