Walther Siegert leitete die Klever Schuhfabrik Hoffmann

Der Maler des Bildes von Walther Siegert ist Oswald Petersen, der hat auch das berühmte Porträt von Willy Brandt gemalt. Datum des Bildes: 1969.
Der Maler des Bildes von Walther Siegert ist Oswald Petersen, der hat auch das berühmte Porträt von Willy Brandt gemalt. Datum des Bildes: 1969.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Walther Siegert war 29 Jahre alt, als er nach Kleve kam und die Leitung der Schuhfabrik Hoffmann übernahm – es wurde seine Lebensaufgabe

Kleve..  Als Dr. Walther Siegert im Alter von nur 29 Jahren den Ruf erhielt, in Kleve die Schuhfabrik Hoffmann zu leiten, sagte sein Onkel Friedrich Carl Freudenberg zu ihm: „Eigentlich bist du viel zu jung für diese Aufgabe.“ Siegert, gebürtiger Düsseldorfer, der bis dahin keine Verbindungen zu Kleve und auch keine zur Schuhindustrie hatte, erwiderte: „Das stimmt. Aber es wird mit jedem Tag besser.“

Es sollten viele Tage werden. 1933, unmittelbar nach dem Tod von Gustav Hoffmann, übernahm er die Leitung des Betriebs. Der Lederfabrikant Freudenberg, dem nach einer Überschuldung des Schuhherstellers aus Kleve die Mehrheit an dem Unternehmen zugefallen war, hatte seinen Neffen Dr. Walther Siegert an die Spitze der Firma berufen. Was nach einer hastigen Notlösung aussah, wurde zu einer Lebensaufgabe: Siegert blieb bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1969 der erste Mann bei Hoffmann – insgesamt 36 Jahre.

Den Willen Dinge zu verändern

Er hatte Volks- und Betriebswirtschaftslehre studiert (und im Alter von 21 Jahren abgeschlossen) und in den Jahren 1930 bis 1933 das Sekretariat der Gelsenkirchener Bergwerks AG in Essen geleitet, bevor ihn der Ruf nach Kleve ereilte. Siegert verfügte weder über Führungserfahrung noch verstand etwas von der Herstellung von Kinderschuhen. Doch er brachte den Willen mit, die Dinge zu verändern. Ein Glücksfall für das Unternehmen.

Zu seinen ersten Neuerungen gehörte es, eine geregelte Produktionsplanung einzuführen. Das hatte den Vorteil, dass die Arbeiter nicht mehr wie früher aufgrund saisonaler Auftragsschwankungen entlassen und einige Wochen später wieder eingestellt werden mussten, sondern regelmäßig beschäftigt werden konnten. Auch der unter den Schüsterken grassierenden Sitte, übermäßig Alkohol zu konsumieren, sagte Siegert den Kampf an – an Kirmestagen musste ein Werksbote mit dem Fahrrad die Festplätze abfahren und indisponierte Mitarbeiter aufspüren.

Mit der Sache des Nationalsozialismus sympathisierte Siegert, allerdings nur anfangs. Als der Parteigeheimdienst der NSDAP, der Sicherheitsdienst, Siegert später als Informanten gewinnen wollte, lehnte dieser ab: „Darüber wissen sie doch ohnehin schon besser Bescheid als ich. Ich kann ihnen nichts Neues erzählen.“ In der Kriegszeit kamen im Werk auch westeuropäische Zwangsarbeiter zum Einsatz, doch deren gute (und korrekte) Behandlung ist verbürgt.

Beim ersten großen Bombenangriff auf Kleve am 7. Oktober 1944 wurde das Werk schwer beschädigt, acht Bombentreffer machten die weitere Produktion unmöglich. Die Maschinen, die noch zu gebrauchen waren, wurden nach Heidelberg verfrachtet, dort wurde dann unter provisorischen Bedingungen weitergearbeitet – mit 400 Klevern, die den Maschinen gefolgt waren.

Nach dem Ende des Kriegs leitete Siegert gemeinsam mit Karl Timmermann den Wiederaufbau des zerstörten Werks. Und er kümmerte sich auch um die Versorgung seiner Mitarbeiter: „Was nützen uns die Leder im Keller, wenn wir für unsere Leute keine Kartoffeln haben?“, sagte er. Als er 1946 von den Briten acht Monate interniert wurde, besorgte seine Frau Ingeborg zu seiner Entlastung sogar Unterschriften ehemaliger Zwangsarbeiter aus Italien und den Niederlanden. Er wurde nicht angeklagt, als so genannter „Mitläufer“ eingestuft und durfte wieder zurück an die Spitze des Unternehmens, das in den Jahren danach einen beispiellosen Aufstieg erlebte.

Mittendrin Dr. Walther Siegert, der seine Mitarbeiter von seinem mit Zigarrenrauch geschwängerten Büro mit sicherer Hand an der langen Leine führte. Wie der Unternehmensgründer Gustav Hoffmann hatte auch Siegert stets das Wohl der Mitarbeiter im Blick. Beispielsweise war es auf den großen Jubilarfeiern die Aufgabe der Betriebsfürsorgerin Lieselotte Rosenkaimer Notlagen bei Mitarbeitern ausfindig zu machen. Dann wurde diskret ein Sondergeschenk ausgehändigt.

Versöhnung angeboten

Typisch für Siegerts Haltung ist auch ein Brief an einen Mitarbeiter, in dem er Versöhnung anbot. „Vor einiger Zeit haben wir uns gegenseitig gekränkt, ohne bisher Gelegenheit gefunden zu haben, uns auszusprechen. Ich feiere heute selbst mit meiner Frau die silberne Hochzeit, und ich möchte dieses Fest nicht in dem Gefühl begehen, mit einem anderen Silberpaar in Disharmonie zu stehen.“ Dem Brief lagen die 50 DM bei, die jeder Mitarbeiter zu diesem Anlass erhielt, dem fraglichen Mann aber aus nicht bekannten Gründen verweigert worden waren.

1958 feierte das Unternehmen sein fünfzigjähriges Bestehen, 1964 wurde Siegert 60 Jahre alt, fünf Jahre später ging er in den Ruhestand – jedesmal der Anlass für Lobeshymnen auf das Wirken des Doktors aus Düsseldorf. Ein langes Leben im Ruhestand war ihm indes nicht vergönnt. Er starb am 5. April 1970, zehn Monate nach seiner Verabschiedung, an den Folgen einer Magenkrebserkrankung. Auf der Trauerfeier, so war es sein Wunsch, sollte die dritte Strophe des Liedes „KleefseSchüsterkes“ gesungen werden: „Dörom welle wej tesaame halde, welle ömmer Frin en Frindin sin…“