Von Gottes Hand gemäht
18.02.2010 | 18:10 Uhr 2010-02-18T18:10:00+0100Goch. Im Laufe des Abends wird das Hüsteln des Nachbarn immer verdächtiger. So viel ist von Pest, Cholera, Typhus und der Roten Ruhr die Rede gewesen, dass man um die Gesundheit zu bangen beginnt. Hans-Joachim Koepp, Stadtarchivar Gochs, berichtete im Langenberg-Zentrum über „Geißeln der Menschheit"
Und die fielen nicht gerade durch Appetitlosigkeit auf. „Erstaunlich, was früher alles passierte”, meinte Koepp lakonisch. Als Goch etwas mehr als 6000 Einwohner hatte, starben innerhalb eines Jahres mal eben 100 Einwohner an einer Grippe. Das ist etwas mehr als 100 Jahre her. Schon im Mittelalter war Goch für einige Jahre auf eine Handvoll bewohnter Häuser geschrumpft. Koepp: „Und auf dem Marktplatz weideten die Pferde.”
Er hat in alten Urkunden, Registern und Büchern gestöbert, um das große Sterben fassbar zu machen. Die Menschen gingen an Scharlach zugrunde, an Pocken und an der Pest. Die Pest wütete des Öfteren in Goch, häufig im Rhythmus von zehn bis zwanzig Jahren. Denn da gab es wieder junge Leute, die noch nicht immun waren gegen den Erreger. Eine Medizin, die diesen Namen verdiente, gab es nicht. Was helfen sollte gegen die Pest, waren Selbstgeißelungen und Bußübungen, regelmäßiger Genuss von Bitterbier und Tabakrauch. Und, nicht zu vergessen, das Verbrennen von Juden. „Das ist für Xanten 1347 belegt”, erzählte Koepp. Und auch der eine Jude, der 1347 noch in den Gocher Einwohnerlisten auftauchte, ist danach spurlos verschwunden. Damals starben etwa drei Viertel der Gocher Bevölkerung an der Pest, und weil man keine Bretter für Särge hatte, riss man die Türen aus leer stehenden Häusern heraus. Davon gab es ja genug.
Die Menschen glaubten fest an das Gottesgericht. Während der Epidemien traf es immer jemanden, den man kannte. Von Gottes Hand wurden sie gemäht – wie anders als durch Gebete, Anrufungen des heiligen Rochus oder Gelübde sollte man Gottes Zorn beschwichtigen? In Kalkar zieht noch heute jährlich eine Rochus-Prozession durch die Stadt, ganz so, wie die Überlebenden Mitte des 14. Jahrhunderts gelobten. Nun gut, auch von einem anderen Heilmittel weiß Koepp zu berichten: „Schweinefleisch mit Urin kochen und dem Hund zu essen geben – dann krepiert der Hund, und das Herrchen wird gesund.”
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