Vom Hofrat zum Präsidenten

Kleve..  Die Folgen der französischen Revolution zerstörten seine Lebensplanung, boten aber auch neue Perspektiven. Statt eines ruhigen Lebens als Hofrat in Kleve machte er Karriere als Präsident des Rheinischen Revisions- und Kassationsgerichtes in Berlin. Wer schon einmal an einer Führung zur dunklen Seite Kleves teilgenommen hat, kennt Christoph Wilhelm Henrich Sethe.

Aus seinen Lebenserinnerungen stammt der Bericht über eine Hinrichtung in Materborn, die er ca. 1774 als siebenjähriger Junge mit ansehen musste. Das Ereignis war für ihn so einschneidend, dass er sich, wie er schrieb, noch fünfzig Jahre später daran erinnerte, als wäre es gestern gewesen. Dem Delinquent, der auf einem Stuhl festgebunden auf dem Schafott gesessen hatte, war vom Henker mit dem Schwert von hinten der Kopf abgeschlagen worden. Anschließend hatten die Schinder den kopflosen Körper auf das an einem hohen Pfahl befestigte Rad geflochten und den Kopf an einem Pfahl festgenagelt.

Aber Sethe ist nicht nur ein Klever Chronist. 1767 in eine Klever Juristenfamilie hinein geboren, war sein Leben eigentlich vorbestimmt gewesen. Nach einer behüteten Kindheit und Jugend in Kleve und dem Studium in Duisburg, Halle und Göttingen war er 1787 nach Kleve zurückgekehrt, um wie Vater und Großvater eine Stelle bei der klevisch-märkischen Regierung, dem obersten Landesgericht, anzutreten. 1794 verlobte er sich mit Henriette Philippine Sack und knüpfte damit verwandtschaftliche Verbindungen zu einer anderen bedeutenden Klever Beamtenfamilie. Auch das hatte im Klever Bürgertum Tradition und sicherte einigen wenigen Familien ihren großen Einfluss auf die Geschicke des Landes.

Doch wenige Monaten später beendeten die Zeitumstände Sethes scheinbar gesicherte, ruhige Beamtenexistenz.

Die französischen Revolutionsheere besetzten das linke Rheinland. Mit dem Frieden von Lunéville wurde 1801 das Gebiet dem französischen Staat zugeschlagen. Als preußischer Beamter musste Sethe mit seiner Familie, zu der inzwischen vier Kinder gehörten, seine Heimat verlassen. Er wurde zu der neu gebildeten preußischen Regierung in Münster versetzt. Doch auch diese Tätigkeit währte nicht lange. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 musste Preußen alle westlich der Elbe gelegenen Territorien an Frankreich abtreten.

Der preußische König entband nun seine dort tätigen Beamten von ihrem Eid und Sethe orientierte sich neu. Er wechselte in das Großherzogtum Berg, das zwar rechtlich souverän, in Wirklichkeit aber ein französischer Satellitenstaat war. Sethe zog nach Düsseldorf, kümmerte sich in den nächs-ten Jahren um die Übertragung der französischen Rechts- und Gerichtsordnung auf das Großherzogtum und lernte dieses Recht zu schätzen.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft 1814 kehrte Sethe in den preußischen Staatsdienst zurück und war maßgeblich daran beteiligt, dass in den nun wieder preußischen Rheinprovinzen das französische Recht unter der Bezeichnung „Rheinisches Recht“ weiter galt und nicht das im übrigen Preußen geltende Allgemeine Landrecht übernommen wurde.

Den Höhepunkt seiner beruflichen Karriere erreichte Sethe 1819, als er zum Chefpräsidenten des Rheinischen Revisions- und Kassationshofs zu Berlin ernannt wurde, dem obersten Gericht für die Territorien, in denen das Rheinische Recht galt. Er übte dieses Amt 33 Jahre lang aus. Im Alter von 85 Jahren ging er 1852 in den Ruhestand und starb drei Jahre später.

Für die Klever bleiben Sethes Erinnerungen an seine frühen Jahre in seiner Geburtsstadt besonders interessant, so auch sein Bericht über die Sprachverwirrung am Landgericht.

Die „clevische Muttersprache“ der Bevölkerungsmehrheit war schon den Protokollanten aus der Grafschaft Mark nicht verständlich. Ihre in Hochdeutsch abgefassten Protokolle mussten die am Ge-richtsverfahren Beteiligten unterschreiben, ohne prüfen zu können, ob ihre Aussagen korrekt wiedergegeben waren. Sethe, der mit Platt groß geworden war, machte, wie er beschreibt, die Probe. Er „verdolmetschte“ die unterzeichneten Protokolle wieder in die ursprüngliche Sprache und konnte so Missverständnisse und Fehler aufdecken.

Erst die Sprachenpolitik der Preußen im 19. Jahrhundert beendete diese Zustände.