Unter Menschen

Silke van Appeldorn
Silke van Appeldorn
Foto: NRZ
Silke van Appeldorn bringt ausländischen Studenten und Migrantenkindern Deutsch bei. Sie selbst ist im besten Sinne eine Weltbürgerin

Kleve..  Schule! Studium! Beruf! Rente! Zack! Geradlinige Erwerbsbiographien nennt man so etwas. Aber nicht alle Menschen passen in dieses Raster. Silke van Appeldorn zum Beispiel eher nicht. Sie wuchs in Kleve auf, ihr Großvater war hier Bademeister. Jetzt ist sie wieder in Kleve, um ausländischen Studenten an der Hochschule und Migrantenkindern an der Sekundarschule Deutsch beizubringen. Vermutlich macht sie den Job deshalb mit so viel Herzblut, weil sie auch die andere Seite kennengelernt hat: Fremd in einem fremden Land zu sein. Um des Überlebens willen arbeiten zu müssen. Irgendetwas anzufangen mit all den Begabungen.

Ihre Lehrerin hat ihr nach dem Abitur gesagt, um sie mache sie sich keine Sorgen, denn sie habe einen „intuitiven Zugriff“. Aber wo zugreifen, wenn die Welt so groß ist und so verschiedenartig und so schön? Silke van Appeldorn arbeitete am Fließband, um Geld für ihre ersten Reisen zu verdienen. Reisen: nach London. Nach Israel ins Kibbuz. Nach Simbabwe und Südafrika, mit dem Rucksack durch ein Land, in dem gerade noch Apartheid herrschte. Danach begann sie mit einem Lehramtsstudium in Kiel. Wechselte zu Jura, wollte Jugendrichterin werden.

Kirch-Krise

Doch dann heiratete sie einen Journalisten, jedes Jahr zogen sie in eine neue Stadt. In München schließlich ging sie zum Fernsehen, machte ein Volontariat bei Pro Sieben und arbeitete ein paar Jahre in der Nachrichtenredaktion. „Dann kam die Kirch-Krise, und alle jüngeren Journalisten wurden entlassen“, erzählt sie. Was tun?

Diese Frage stellte sich oft in ihrem bisherigen Leben. Und was bewundernswert ist: Immer fand sie eine Antwort. Diese hier lautete: Wieder studieren, diesmal Marketing. Nebenher selbstständig arbeiten. Mit einem Studienkollegen gründete sie eine Agentur, richtete mit einer Freundin sogar ein riesiges Event für Audi aus - und erlebte, wie ihre Freundin mit einem Burnout völlig zusammenbrach. „Das passiert dir nicht“, dachte sie. Verkaufte ihre Anteile. Ging nach Argentinien.

Weil sie kein Spanisch sprach, lernte sie es eben. Und weil sie irgendwann wieder Geld brauchte, arbeitete sie halt im englischsprachigen Kundensupport eines Gaming-Herstellers. Außerdem machte sie das Certificate in Teaching English (CELTA) - als eine der wenigen Kursteilnehmerinnen, die nicht mit Englisch als Muttersprache aufgewachsen sind. „Das war das Anstrengendste, was ich je gemacht habe“, erinnert sie sich.

Zur Belohnung wollte sie mit ihren Hunden im Auto durch Südamerika fahren. Doch das Auto brannte irgendwo im Niemandsland aus, sie konnte gerade noch ihre Hunde retten. Aus der Traum. Zurück in Deutschland stellte sich wieder die Frage: Was nun? - Klar: etwas Neues. In Freiburg machte sie eine Ausbildung, um Deutsch als Fremdsprache unterrichten zu können. Dann öffnete die hiesige Hochschule ihre Pforten, und Silke van Appeldorn konnte gleich anfangen. Wenn man ihr so zuhört, spürt man ihre Neugier, ihre Zuversicht, auch ihren Ehrgeiz .

Soziale Ader

Und ihre soziale Ader. „Vielleicht leben wir ja mal in einer besseren Welt“, sagt Silke van Appeldorn. „Ein Stückchen dazu will ich beitragen.“ Weshalb ihr Job nicht mit der Schulklingel aufhört. Klar, dass sie Migrantenkinder zur Musikschule fährt. Und dass sie mit ihrem Team aus ehrenamtlichen Helfern alles daran setzt, um Kindern eine Perspektive zu zeigen, Kindern, die man bisweilen in Amtsbegriffe kleidet wie „geduldet“ oder „zur Abschiebung vorgesehen“. Und die doch vor allem eines sind: Kinder. Ihr Ansatz ist so einfach wie erfolgreich: „Man lernt eine Sprache nur, wenn der andere sich für einen interessiert. Das habe ich selbst ja auch so erfahren.“