Türen und Chancen öffnen

Netzgruppe Kleve, Sabine Ganser (r.) und Yvonne Zapke: Mädchen und jungen Frauen, die hier klingeln oder klopfen, wird geöffnet.
Netzgruppe Kleve, Sabine Ganser (r.) und Yvonne Zapke: Mädchen und jungen Frauen, die hier klingeln oder klopfen, wird geöffnet.
Foto: Astrid Hoyer-Holderberg
Was wir bereits wissen
NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft lobt in Neujahrsansprache die Netzgruppe Kleve: „Sie machen unser Land reicher, sie machen es lebenswerter“

Kleve..  Landesweit war es zu hören. Ausdrücklich die Netzgruppe Kleve lobte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in ihrer Neujahrsansprache fürs Jahr 2015. „Eine Gruppe engagierter Frauen, die Alleinerziehenden oder jungen Müttern mit ihren Kindern hilft. Das ist ein Verein, der aus einem Frühstückstreff von Frauen entstanden ist, inzwischen ist er seit über 30 Jahren aktiv. Nun weitet er sein Angebot auch auf junge Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder aus.“ Dass einer für den anderen einsteht, mache „unser Land reicher, sie machen es lebenswerter“, so Kraft.

Bescheiden ist die Adresse der Netzgruppe an der Rütgerstraße in Kleve, Backsteinmauer, schlichtes Schild, graue unscheinbare Tür. Mädchen, die hier klopfen oder klingeln, denen wird geöffnet: die Tür und Chancen auf ein selbstständiges Leben.

Das Haus für junge obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Mädchen und Frauen sowie eine Trainingswohnung fürs erste Allein-Leben trägt ein ehrenamtlicher Verein. Er finanziert auch die hauptamtliche Kraft, Sabine Ganser. Die „Ersatz-Mutter“, die sich tags und manchmal nachts Zeit nimmt, die auffängt, zuhört, schweigt und „auch mal in den Hintern tritt“. Dass sie in eine Neujahrsansprache der Landeschefin geriet, hat sie selbst überrascht. Vor zwei Jahren trafen sich Ganser und Kraft am Berufskolleg Kleve und vereinbarten, sich über Neuerungen zu informieren. Während Kraft Adressen für Zuschuss-Möglichkeiten weiter gab, reichte Ganser der NRW-Chefin das Konzept ein, nach dem sie ab dieser Woche zwei junge nigerianische Flüchtlingsfrauen aufnimmt, eine Schwangere und eine mit einem drei Monate alten Kind. Beide kommen aus den Asylunterkünften in Kleve, in denen größere Familien und alleinstehende Männer leben. Die Stadt hatte bei der Netzgruppe angefragt.

„Wir haben sehr guten Kontakt zum Sozialamt und Jugendamt“, lobt Sabine Ganser. Und zu „Multi-Kulti“ ehemaligen Netzgruppe-Bewohnerinnen, unter ihnen eine Nigerianerin, die übersetzen könnte.

Sechs Wochen gelten in der Netzgruppe als Probezeit – sich an Strukturen zu gewöhnen und wirklich etwas ändern zu wollen. Es gibt wenige, aber klare Regeln für die Mädchen in Notlagen. „Wer 14 Jahre lang zu Hause keine Grenzen gesetzt bekam, kommt oft mit strengem Regelwerk von Jugendhilfe-Einrichtungen nicht klar“, weiß die Yvonne Zapke, zertifizierte Berufsbetreuerin (gesetzliche Betreuungen, Vormundschaften) und hier ehrenamtlich aktiv.

In der Netzgruppe Pflicht: Zur Schule gehen oder eine Ausbildung beim Theodor-Brauer-Haus, SOS-Ausbildung oder übers Jobcenter beginnen, Verbot von Drogen, von Männern im Haus, denn manche Mächen müssen geschützt werden.

Individueller als in Jugendhilfe-Einrichtungen könne hier für jede der sieben Bewohnerinnen Hilfe geleistet werden, so Zapke. Von gerichtlichen Verfahren angefangen – falls es im Elternhaus Übergriffe gab – bis zur Begleitung seelisch Erkrankter oder einfach Antragstellung bei Ämtern.

Kochen ist Pflicht

„Manche Mädchen halten keine drei Wochen aus, hängen sich an einen Mann, um ihren Traum einer heilen Familie zu gründen,“ was selten gelinge. Manche „bleiben auf der Strecke“, landen im Obdach. „Aber zwei pro Jahr haben es immer geschafft“, freut sich Sabine Ganser. Eine zum Beispiel hat gerade ihr Studium abgeschlossen.

Ziel der Netzgruppe ist es, die Mädchen und Frauen zwischen 16 und 25 Jahren – mit und ohne Kinder – etwa nach einem Jahr in eine eigene Wohnung, ein selbstständiges Leben zu entlassen.

In der Netzgruppe lernen die Mädchen und jungen Frauen – übrigens aus allen Gesellschaftsschichten – vor allem Sozialverhalten, Teamfähigkeit und das Leben: Tägliches Kochen ist Pflicht, „damit sie nicht nur Tiefkühlkost auftauen“. Wäschepflege, Einkaufen, Vorratshaltung und Putzen.

„Wir brauchen mehr Ehrenamtliche zur Unterstützung,“, so Ganser. Die aber müssen den rotzigen Jargon, das barsche Verhalten der Mädchen aushalten. „Sie haben oft schlimme Dinge erlebt, das hat sie hart gemacht“, so Yvonne Zapke.

Sie kommen mit leeren Händen, ohne Zahnbüste, ohne Bettwäsche. Kosten für Wohnen und Lebensmittel tragen Sozial- oder Jugendamt nach gewisser Antragszeit, alles andere wird über Spenden finanziert – besonders von der (Karl-und-)Maria-Kisters-Stiftung, Stadtwerken, Kirchen und vielen Einzel-Unterstützern.