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Politik

Streitpunkt Gesamtschule

28.10.2009 | 19:59 Uhr
Streitpunkt Gesamtschule

Kleve. Bei der konstituierenden Ratssitzung entbrannte gestern die erste kontroverse Debatte. CDU, Grüne, FDP und Offene Klever votierten dafür, die Verwaltung mit einer Bedarfserhebung zu beauftragen. SPD wollte Zeitpunkt auf Februar festzurren und verließ geschlossen den Ratssaal.

Kleve. Es war ein ungewohntes Bild: Bürgermeister Theo Brauer auf einem der hinteren Plätze der CDU-Fraktion. Eine Momentaufnahme. Denn als Altersvorsitzender leitete zunächst Erich Nuy die konstituierende Ratssitzung. Er appellierte an den Rat, den Bürgermeister und die Verwaltung bei allen wichtigen Punkten zu unterstützen. Getragen von breiten Mehrheiten. Nach seiner Vereidigung forderte Bürgermeister Theo Brauer kollegiales Miteinander und vertrauensvolle Zusammenarbeit ebenso ein, wie umsichtige Gestaltung der Stadt, wobei das Menschliche erhalten bleiben müsse. Fruchtbare Diskussionen, transparente Entscheidungen und respektvoller Umgang miteinander lauteten seine Wünsche für die Zukunft.

Wenig später war genau davon nichts mehr zu spüren: Beim Tagesordnungspunkt „Initiative zur Gründung einer Gesamtschule in Kleve” entbrannte die erste kontroverse und emotionale Debatte. Vermutlich bedingt durch die Anwesenheit etlicher Eltern und deren Kinder. Dass die Initiative bei den Fraktionen nicht auf Widerstand stößt, wurde dabei deutlich. CDU, Grüne, FDP und Offene Klever votierten dafür, die Verwaltung mit einer Bedarfserhebung für die nächsten fünf Jahre zu beauftragen und diese in den Schulentwicklungsplan einfließen zu lassen. Und zwar – wie gesetzlich vorgeschrieben – unter Einbeziehung von Bedburg-Hau und Kranenburg.

Für die SPD forderten Alexander Frantz und Petra Tekath zunächst eine Entscheidung noch in diesem Jahr ein. Das sei seriös und solide so schnell nicht vorzubereiten, widersprach dem Kämmerer Willibrord Haas: „Frühjahr 2010 ist realistisch und angemessen”.

Damit wollte sich die SPD ebenfalls nicht zufrieden geben. Sie wollte eine Entscheidung dezidiert auf Februar festzurrren, notfalls unter Einberufung von Sondersitzungen. Alles andere käme einem Aussitzen gleich, kritisierte Petra Tekath. „Hier wird nichts ausgesessen”, empörte sich CDU-Fraktionschef Udo Janssen. Ähnlich argumentierte Michael Bay (Grüne), der den Vorschlag von Jörg Cosar (CDU) aufgriff. Bay appellierte daran, schulpolitische Diskussion differenziert und ruhig zu führen und darüber nachzudenken, ob es neben der Gesamtschule eine weitere „noch bessere” Schulform gebe. Die SPD verließ geschlossen den Saal, nahm an der Abstimmung nicht teil.

Zu stellvertretenden Bürgermeistern wurden in geheimer Wahl Joachim Schmidt (CDU), Dr. Artur Leenders (Grüne) und Josef Gietemann (SPD) gewählt.

Gaby Boch

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Kommentare
02.11.2009
21:51
Streitpunkt Gesamtschule
von BL | #5

Sehr geehter Herr Böhmer,

ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich meinen Kommentar erneut durchläsen. Weder möchte ich Zustände manifestieren noch Sozialdarwinismus betreiben (welch Übertreibung!). An vielen Stellen habe ich in meinem Kommentar konkrete Verbesserungsvorschläge unterbreitet, welche Sie in Ihrer Ausführung großzügig übergehen. Eigene Verbesserungsvorschläge bleiben Sie schuldig. Darüber hinaus noch einige Fakten, die für Sie interessant sein dürften:
1) Der Anteil von Studienanfängern, die nicht über das Gymnasium an die Hochschule kommen, ist in manchen Bundesländern schon über die 50%-Marke geklettert. Dies ist ein Erfolg des gegliederten Schulsystems, der vor allem den bildungsfernen Schichten zu Gute kommt. Soviel zur (horizontalen) Durchlässigkeit des Schulsystems.
2) Es gibt keine belastbare Studie, die den Erfolg eines längeren gemeinsamen Lernens bestätigt. Falls Sie eine Studie kennen, bitte ich Sie, mir diese mitzuteilen. Dann bin ich gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen.

Wenn Sie wirklich eine Verbesserung für die Kinder anstreben, wäre es ein erster Schritt, sich selbst an Fakten zu halten, statt ideologische Allgemeinplätze zu verbreiten.

01.11.2009
01:13
Streitpunkt Gesamtschule
von Ralf Böhmer | #4

@BL Vielen Dank! Besser kann man Sozialdarwinismus nicht formulieren, andere Diskutanten nicht diskreditieren und eindringlicher kann auch eine Werbung für eine strukturelle und lebensnahe Anpassung des heutigen Schulsystems nicht ausfallen. So denkt nur das Establshment.

So argumentiert kein Elternteil, es sei denn, es ist in der komfortablen Situation, die Nachteile heutigen Schulalltags nie an seinem Kind erfahren zu haben, fürchtet nun Verwässerung, ist um Abgrenzung bemüht und akzeptiert die Ausgrenzung anderer als Mittel zum eigenen Zweck.

So redet kein Lehrer, der sich eigeninitiativ in aufreibenden Projekten auch außerhalb des Unterrichts engagiert, der sich auf willige Schüler einlässt , sich situativ um die Entwicklung einzelner bemüht und dem dabei Leistungsbewertungen als ein Element des Fordern und Förderns selbstverständlich sind, obwohl er sich auf dem Boden geltender Lehrpläne, mangelhafter Schul- und Unterrichtsformen und ungenügender Schulmittel bewegt.

Sie manifestieren die aktuellen Zustände, entwicklen Ihr Ausschlussprinzip bis in die Vorschulzeit und in die Familien. Sie verbreitern rhetorisch bewusst das Fundament Ihrer Analyse. Im Kern aber geht es Ihnen einzig um die Verhinderung einer Ergänzung des bestehenden Schulsystems. Sie denken offenbar bewusst nicht an eine Verbesserung der Durchlässigkeit der unterschiedlichen Schulformen oder an eine verbesserte Konzeption für die bislang viel zu frühe Überleitung der 10jährigen an die weiterführenden Schulen. Von der gezielten Förderung einzelner, gerade auch Begabter, ganz abgesehen. Alles in allem ein raffinierter Spaltpilz.

30.10.2009
11:29
Streitpunkt Gesamtschule
von BL | #3

@Jürgen Franken: Beste Bildung verlangen Sie für die Kinder. Meine Frage: Warum dann eine Gesamtschule? Es ist doch unter denen, die etwas von der Materie verstehen, bekannt, dass die Gesamtschule keineswegs die beste Schulform für unsere Kinder ist. Das zeigen viele eingängige Studien. Beispiel Mathematik: Hier liegen Gesamtschüler Ende der 10. Klasse im Vergleich zu Realschülern um ca. 2 Jahre, im Vergleich zu Gymnasiasten um mehr als 2 Jahre zurück. Ich stimme Ihnen zu, dass in den Schulen durch eine individuelle Förderung auf Stärken und Schwächen der jeweiligen Schüler eingegangen werden muss. Hier lohnt in der Tat der Blick zum PISA-Gewinner Finnland ( aber nur hier: alle anderen Vergleiche verbieten sich aus unterschiedlichen Gründen!). Erklärungsbedürftig erscheint mir jedoch der Schlachtruf der Gesamtschulenthusiasten nach Einer Schule für alle Kinder. Welche Vorteile bietet die Einheitsschule? Hier wäre ich für ein paar erhellende Einlassung dankbar. Fakt ist doch: Gesamtschulen ignorieren die (natürlichen) Unterschiede zwischen Menschen und führen somit in der Summe dazu, dass man sich auf eine Ausbildung auf niedrigerem Niveau einigt. Der altlinke Traum von (vermeintlicher! sic!) Gleichheit in allen Lebenslagen ließe sich im Schulwesen nur durch eine Absenkung des Leistungsniveaus erreichen. Ist es das, was Sie wollen? Vielmehr erscheint mir die Aufgabe des Staates darin zu liegen, für gleiche Chancen zu Beginn des Schullebens zu sorgen und im Anschluss eine individuelle Förderung zu ermöglichen. Eltern und Schüler haben dann die Plicht, dieses Angebot anzunehmen - Stichwort: Leistungserbringung! Nicht Einheit, sondern Differenz ist der Schlüssel zum Erfolg. Gleichwohl muss auf die Problemlagen einer sozial schwächeren (!) Klientel eingegangen werden. Hierzu zählt vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe in betroffenen Familien (Bildungs- und Erziehungsberatung), eine Schwerpunktbildung im Kindergarten und der Vorschule, ein Ausbau der Ganztagsbetreuung sowie der vermehrte Einsatz der Jugendsozialarbeit in Schulen mit besonderen sozialen Problemlagen. Im Übrigen: Viele dieser Probleme hat die Landesregierung erkannt und damit begonnen, sie zu lösen. Die Gesamtschule gehört in meinen Augen jedoch nicht zu dieser Problemlösungsstrategie! Darum prüfe (ausgiebig), wer sich ewig bindet. Das gilt auch für die Stadt...

29.10.2009
09:29
Streitpunkt Gesamtschule
von Klaus Jansen | #2

Meiner Meinung nach ist die Entscheidung des Rates als ein positives Signal zu werten. Es hätte auch passieren können, dass der Rat den Antrag zunächst an den Schulausschuss verweist. Dann läge es im Ermessen des zukünftigen Vorsitzenden des Schulausschusses, dieses Thema auf die Tagesordnung zu setzten. Auf jeden Fall wären dadurch mindestens 3-4 Monate verloren gewesen.

29.10.2009
00:58
Streitpunkt Gesamtschule
von Jürgen Franken | #1

Und wer denkt an unsere Kinder??

Typisch Politik soll man meinen. Da wird schon wieder über Zeitspannen gestritten. Und die Kinder kommen mal wieder zu kurz. Ist es nicht ein eindeutiges Elternvotum und damit Verfassungsrecht, wenn die bestmögliche Bildung für unsere Kinder von den betroffenen Eltern gefordert und hoffentlich auch bald in Kleve und Nachbarkommunen eingeklagt wird? Weit über die erforderliche Zahl von 112 Bedarfskindern liegen bereits vor. Natürlich muß es eine behördliche Bedarfsfeststellung nun geben. Spannend wird es aber sein, wie der Fragebogen zur Bedarfsfeststellung letztendlich aussieht. Da wird man wohl mit dem Hinweis auf eine Halbtags-Gesamtschule aller frau Sommer versuchen die Eltern zu verunsichern. Aber das Thema Gesamtschule erfährt bei Brauer & Co. hoffentlich das gleiche Tempo wie die Hochschule Rhein Waal, wo ja mächtig aufs Tempo gedrückt wird. Ist Kleve jetzt mit der Aufgabenstellung Gesamtschule in der Kreisstadt überfordert? Oder erfahren wir auch hier wieder einmal das Possenspiel vor der nächsten Landtagswahl mit dem langen Arm von Palmen und Co.. Danach wird sich sowieso in Sachen Bildung Einiges ändern. Und hoffentlich ohne Staatssekretär Winands. Also mein Votum ist: Eine Schule für alle Kinder!! In denen Kinder unabhängig von ihrer Herkunft durch Individualisierung alle Wege offen stehen.

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